Inhalt
Eine Familie ringt nach einer unvorhergesehenen Tragödie mit der Trauer und einer angespannten Beziehung.
Kritik
Die titelgebende Gewöhnlichkeit wird zum schier unerreichbaren Ideal für die unterprivilegierte Kleinfamilie im Zentrum Lee Yun Chans unterkühlten Untersuchung der finanziellen und emotionalen Ökonomie privater Beziehungen. In ihrer dritten Spielfilm-Arbeit, die es als einziger Taiwanesischer Beitrag in Busan’s neu etablierten Wettbewerb schaffte, analysiert die Regisseurin und Drehbuchautorin die existenziellen Zwänge und meritokratischen Strukturen, die jedem der unterschiedlichen Mitglieder des prototypischen Figuren-Quartetts in seiner eigenen Krise isoliert. Der plötzliche Wegfall dieser soziologischen Enge durch eine unerwartete Tragödie erlaubt eine familiäre Annäherung.
Dere kapitalistische Konditionen offenbaren unerbittlich die brutale Bedingtheit konkreter und abstrakter Güter. Jene sind die physische Unversehrtheit und Unabhängigkeit des Sohnes Yu-Jie, der auf dem Heimweg von seinem Nebenjob bei einem fremd verschuldeten Autounfall schwer verletzt wird. Die großzügigen Geldgaben, Grundbesitz und Geschenke des verantwortlichen Fahrers, Herr Ma (Hsiu-Shen Liang), der sein Vermögen fortan an in die Abzahlung der unermesslichen Schuld investiert. Und schließlich das Mikroklima innerhalb der einander entfremdeten Familie, deren paradoxer Profit der Krise eine zynische Ambivalenz verleiht.
Status und Stigma, Abhängigkeit und Autonomie, Schuld und Selbstbestrafung bilden das moralische und soziologische Spektrum, in dem der langzeitarbeitslose Vater (Weber Yang, Little Big Women) die abgestumpfte Mutter (Shih Ying Chang), ihre Heranwachsende Tochter Yu-Qing (Pin-Hsuan Chen) und der fast erwachsene Sohn (Junior Hsieh) zu Spielbällen eines sadistischen Schicksals werden. Während die vier in der räumlichen Enge ihrer überfüllten Mietwohnung aneinander vorbei leben, nähern sie sich in der Weite des ihnen von Herrn Ma überschriebenen Hauses wieder an. Doch die kommerzielle Konditionalität dieser zaghaften Zuwendung untergrabt jeden vorschnellen Optimismus.
Fazit
Systemkritische und sozialpsychologische Motive verwebt Lee Yun Chans visuell und ideell gleichsam düstere Studie materieller und moralischer Untiefen zu einem filigranen Netzwerk humanistischer Befangenheit, das die Zuschauenden mit unterdrückter Intensität gefangen nimmt. Nüchterner Dokumentarismus und symbolistische Segmente vermischen sich in Ming Lees beklommenen Kameraaufnahmen, deren mattes Naturlicht die düsteren Aussichten und prekäre Tristesse untermauert. Der fatalistische Grundton des unauflöslichen Dilemmas von Merkantilismus und Moral definiert ein formal und narrativ gleichsam sprödes Sozialkino in ostentativer Opposition zu humanistischer Heuchelei.