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Inhalt

Irisz Leiter reist im Jahre 1913 nach Budapest, um im renommierten Hutladen ihrer verstorbenen Eltern zu arbeiten. Als sie jedoch von der neuen Besitzerin abgewiesen wird, begibt sich Irisz auf eine Reise, die nicht nur ihre Vergangenheit aufarbeiten wird, sondern auch ihre Verständnis von familiärer Identität.

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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Für sein Langfilmdebüt Son of Saul ging der ungarische Regisseur Laszlo Nemes alles andere als den einfachen Weg. Nach einigen anfänglichen Kurzfilmen schlug sein 107-minütiges Werk über einen KZ-Häftling plötzlich wie ein Brocken bei der Premiere während der damaligen Filmfestspiele von Cannes ein und zog auch anschließend durch eine breite Veröffentlichung noch hohe Wellen nach sich. Erneut entfachte Son of Saul die berechtigte Diskussion darüber, inwiefern sich der Holocaust, ein Kapitel der Menschheitsgeschichte von unvorstellbarer und für viele folglich auch undarstellbarer Grausamkeit, filmisch erfassen lässt.  Aller Skepsis zum Trotz bewies Nemes bei seinem Film das nötige inszenatorische Feingefühl und den dringenden Funken Menschlichkeit, der Son of Saul hell erleuchtete. Während die Kamera den Zuschauer im 4:3-Format in jede Einstellung presste und die maschinellen Laute sowie ständigen Schreie der Opfer aus der Perspektive des Protagonisten in den unscharf verzerrten Hintergrund verbannte, entpuppte sich der Film letztlich als verzweifeltes Plädoyer an die Menschlichkeit in Zeiten der völligen Abszenz eben dieser. 

In seinem Nachfolgewerk Sunset erzählt der ungarische Regisseur die Geschichte der jungen Iris Leiter, die im Jahr 1913 nach Budapest reist. Hier, wo der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum Greifen nahe ist und als konstante Anspannung wie ein unausweichliches Vorzeichen in der Luft liegt, bemüht sich Iris um einen Job in dem Hutmachergeschäft, das ihren eigenen Nachnamen trägt. Einst gehörte dieser ihren Eltern, die starben, als sie gerade einmal zwei Jahre alt war. Zurück an dem Ort, der für Iris zugleich Heimat und Fremde bedeutet, wird sie von dem derzeitigen Ladenbesitzer Oskar Brill jedoch abgelehnt. Nur alleine ihr Nachname und damit ihre familiäre Herkunft sowie Verbindung zu dem Geschäft macht die junge Frau hier nicht zu etwas Besonderem.

Dafür sorgt vielmehr ein kurzer Gesprächsfetzen, den Iris aufschnappt und der ihr nahelegt, dass sich offenbar auch ein Mann mit dem Nachnamen Leiter in der Stadt befinden soll. Während Iris niemals etwas über einen Bruder wusste, beginnt sie langsam an der Geschichte ihrer Familie zu zweifeln und begibt sich auf eine Spurensuche nach dieser ominösen Person, die anscheinend den Namen Kalman Leiter trägt. An einer stringenten Erzählung dieses Plots zeigt Nemes hingegen wenig Interesse. Stattdessen inszeniert der Regisseur Sunset wie auch schon Son of Saul als möglichst immersive Seherfahrung, bei der die Kamera von Mátyás Erdély die meiste Zeit über hinter dem Rücken von Iris oder direkt vor ihrem Gesicht schwebt, während die Einstellungen des Films oftmals lange Tracking Shots ohne Schnitte darstellen. Dabei entfaltet sich Nemes' zweiter Langfilm als stilistisch ebenso betörendes wie inhaltlich kryptisch frustrierendes Werk, in dem sich Iris auf ihrem Weg durch Budapest in ein Labyrinth aus falschen Fährten und düsteren Entwicklungen verirrt.

Ein weiteres Mal rückt der Regisseur Gesprächspartner seiner Protagonistin in den äußeren Unschärfebereich des Bildausschnitts oder darüber hinaus, wobei Gesichter und Wörter zu einem unklaren Strom der Eindrücke verschwimmen, aus dem sich nie ein konkretes Bild formen lässt. Wo dieser Ansatz in Son of Saul noch für die nötige Distanz zum grauenvollen Geschehen sorgte, um den Betrachter erst recht emotional involvieren zu können, sorgt Nemes' Stil in Sunset hingegen für den gegenteiligen Effekt. Auch wenn die Kamera unentwegt die größtmögliche Nähe zu Iris sucht und ihr nicht mehr von der Seite weicht, könnte der Zuschauer in diesen Momenten kaum eine größere Distanz zu den Ereignissen einnehmen. Während sich Sunset von der ersten Einstellung an als ungemein aufwändig durchkomponiertes, opulent ausgestattetes Werk präsentiert, bleiben die Figuren des Films artifizielle Konstrukte, die der Regisseur innerhalb des betont sperrigen Handlungsverlaufs niemals zu wirklichen Charakteren formen kann. 

Laut eigener Aussage wollte Nemes mit diesem Werk einen Film über eine Frau drehen, die allein und verloren in ihrer Welt ist, sowie einen Film über eine ganze Zivilisation, die sich an einem Scheideweg befindet. Tatsächlich stellt sich Sunset passend zu seinem Titel die meiste Zeit über eher als ein frustriertes Tappen im Dunkeln heraus, bei dem die filmisch konzentrierte Form von Nemes diesmal kaum eine Einheit mit dem ebenso verkopften wie unzugänglichen Inhalt bildet. Bei diesem soll ein vager Abgesang auf monarchische Strukturen ebenso heraufbeschwören werden wie die Entwicklung einer zunächst unschuldig wirkenden jungen Frau zu etwas völlig anderem, abgründigerem. Sunset verweilt unterdessen vielmehr an der reinen Oberfläche und verschließt sich dem Betrachter, der schlussendlich noch frustrierter durch diesen Film irren muss als seine Protagonistin.

Fazit

Auch wenn die Kamera unentwegt die größtmögliche Nähe zu Iris sucht und ihr nicht mehr von der Seite weicht, könnte der Zuschauer in diesen Momenten kaum eine größere Distanz zu den Ereignissen einnehmen. Während sich "Sunset" von der ersten Einstellung an als ungemein aufwändig durchkomponiertes, opulent ausgestattetes Werk präsentiert, bleiben die Figuren des Films artifizielle Konstrukte, die der Regisseur innerhalb des betont sperrigen Handlungsverlaufs niemals zu wirklichen Charakteren formen kann. Tatsächlich stellt sich "Sunset" passend zu seinem Titel die meiste Zeit über eher als ein frustriertes Tappen im Dunkeln heraus, bei dem die filmisch konzentrierte Form von Nemes diesmal kaum eine Einheit mit dem ebenso verkopften wie unzugänglichen Inhalt bildet.

Autor: Patrick Reinbott

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