MB-Kritik

Strangers in the Mountain 2026

Inhalt

Der im verregneten Herbst der 1990er-Jahre spielende Film folgt zwei Polizisten, die tief in die Berge von Zhejiang reisen, um einen zurückgezogen lebenden Mann aufzusuchen. Sieben Jahre zuvor – in der Nacht des Mittherbstfestes – war die Ehefrau des Mannes, Zhang Xue, spurlos verschwunden.

Kritik

Wer ist tatsächlich der Titelcharakter, der in Wan Bos verschachteltem Mystery-Melodram in Zhejiangs einsame Bergregion gelangt? Ist es der Inspektor, der dort Anfang der 90er einer frischen Fährte in einem sieben Jahre zurückliegenden Kriminalfall nachgeht? Die junge Rookie-Polizistin, die ihn bei den Ermittlungen unterstützt? Der misanthropische Autor, der sich an diesem abgelegenen Ort zurückgezogen hat? Seine Gattin, von der er sich für eine andere Frau trennte? Oder ist es Zhang Xue, jene andere Frau, an der alles rätselhaft scheint - am meisten ihr unerklärliches Verschwinden? 

Das stimmungsvolle Setting und die klassische Konstellation distinktiver Figurentypen evozieren die altmodischen Whodunnits, deren Ästhetik die suggestiven Schwarz-weiß-Bilder heraufbeschwören. Der Nebel um die abgelegene Behausung des Autoren, der sich vor Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, wird zum melancholischen Symbol der Undurchsichtigkeit des Falls, in dem er der Hauptverdächtige ist. Jede*r der an dem düsteren Schauplatz gefangenen Charaktere hat mehr mit dem mutmaßlichen Verbrechen zu tun, als er zugibt. Alte Songs und Fotos wecken eine Vergangenheit, die langsam in die Gegenwart sickert.

Erinnerungen sind zugleich Zuflucht und Gefängnis, auf narrativer und inszenatorischer Ebene. Mit ihren visuellen Manierismen und ausufernden Stilmitteln bewegt sich Wans zweite Spielfilm-Arbeit nahe an unfreiwilliger Komik. Dieser formalistische Exzess setzt sich fort in den gekünstelten Dialogen, für die das Drehbuch wenig Bewusstsein zeigt. „Alles, was Sie sagen, klingt wie ein Gedicht.“, säuselt ein Begleiter zu Zhang Xue, die mit Vorliebe schwermütig in die Ferne blickt. Auch Frauen sind nur eine weitere Dekoration in dem aus Prätention und Poesie.

Fazit

Der unentrinnbare Griff der Vergangenheit um eine Gegenwart, die deren Einfluss stetig verändert, beschäftigt Wan Bos arabeske Genre-Melange mehr als das geheimnisvolle Verschwinden im Zentrum der Story. In jener verschlingen sich Mystery, Polizeikrimi, Romanze und psychologische Profilierung zu einer enigmatischen Kontemplation über verlorene Liebe und destruktives Begehren. Selektive Erinnerung akzentuieren die Kluft zwischen objektiven Fakten und individueller Wahrnehmung. Während die Darstellungen ungebrochen überzeugen, kippt die suggestive Atmosphäre sukzessive ins Artifizielle. Retro-Referenzen und stilisierte Suspense entfalten dennoch einen eigenwilligen Sog. 

Autor: Lida Bach
Diese Seite verwendet Cookies. Akzeptieren.