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„Ich sehe alles“, sagt sie. Es klingt wie ein Fluch. Sonnenschein, strahlend blauer Himmel. Das Meer ruhig, gerahmt von einem Stück Reling. Diffuses Stimmengewirr. Ein friedlicher Moment, stünde das Meer nicht vertikal wie ein Wasserfall. Bilder reißen vorbei, kreisend, kopfüber, ruckhaft. Menschen im Boot, im Wasser, Schreie, Schwimmwesten, Signalpfeifen. Leuchtendes Orange, in dem sich die Sonnenstrahlen in geometrische Figuren brechen. Kein Horizont mehr, kein Himmel, kein oben und unten, nur Tiefe und kein Halt. Auch die Zeit folgt keiner Richtung, sie zieht sich zusammen zu einem brutalen Jetzt.

Kritik

Es wirkt fast etwas vermessen, einen Film wie Purple Sea nach normalen Maßstäben bewerten zu wollen. Ohne Frage haben Amel Alzakout und Kahled Abdulwahed hier etwas kreiert das zwar in seiner Präsentation ziemlich eindeutig, in seiner Wirkung jedoch unklassifizierbar und schwer zu verdauen ist. Ihr Film Purple Sea präsentiert das ungeschnittene Videomaterial von Alzakouts Kamera, welche sich am Bord eines syrischen Schlepperbootes befand, während dieses kenterte. Die Texttafeln am Ende des Filmes klären über den Tod von 42 Menschen an diesem Tag auf. Das Ausmaß dieser Tragödie ist auf Alzakouts Material nicht erkennbar, da die Kamera in dem Chaos nur Fragmente einfangen kann. Aber die reichen aus. 

Die völlig losgelöste Kamera erzeugt ein beklemmendes Gefühl des Ausgeliefertseins. Die meiste Zeit befindet sie sich unter Wasser und fängt Bilder von strampelnden Füßen, umhergreifender Händen und der Meeroberfläche, die durch diese Perspektive wie der Himmel selbst wirkt, ein. Die Akustik ist kaum vernehmbar. Schreie und ein omnipräsentes Pfeifen sind alles was durch das Wasser dringt. Die eigentliche Tragödie von der Purple Sea handelt findet konsequent im Off statt, während die unkontrollierte Kamera meist sich an eine orangene Schwimmweste klammert. In einer verlängerten Sequenz geschieht minutenlang nichts anderes, als das unbewusste Draufhalten jene Weste, ehe die Kamera sich für einen kurzen Moment wieder aus dem Wasser erhebt. Alzakouts Präsenz ist nicht wirklich erkennbar, da die Kamera an ihrem Körper befestigt ist. Purple Sea lässt das Publikum 67 Minuten aus dieser Tragödie aus der Perspektive eines anwesenden Objekts, der Kamera, miterleben. Der Blick ist mittendrin und kann trotzdem fast nichts entziffern. Das ist radikal in seiner Einfachheit und verstörend in seiner Schonungslosigkeit. 

Es bleibt fraglich ob die Verbreitung dieses Materials vertretbar ist, da hier das Schicksal mehrerer Menschenleben zum Filmerlebnis werden. Abdulwahed und Alzakout schienen sich der Gefahr der Ausschlachtung dieser Tragödie bewusst und inkludierten einen Voice-Over von Alzakout welcher, mal mehr, mal weniger spärlich auftritt. In diesem beklagt sie ihre Situation als Migrantin, die vielen Jahre dies sie auf ihr Visa warten muss, über ihren Geliebten. Dadurch erhält die Situation einen Kontext, durch welchen sich die fragmentierten Bilder des Chaos in einen politischen Diskurs eingeordnet werden sollen. Zumindest ist das der Versuch der FilmemacherInnen. Abdulwahed und Alzakout gehen den weisen Weg der Subjektivität, in dem sie das Material nicht als allumfassendes Zeugnis, sondern durch die Augen einer einzelnen Beteiligten rahmen. Die Erzählstimme verbleibt als einziges narratives und abstrahierendes Element dieser sonst rein realistischen Sequenz, deren Wirkung man sich schwer entziehen kann, dem man aber dennoch sehr ungerne folgt und dessen Sinn und Zweck nicht über die Erfahrungsebene hinaus geht.

Fazit

„Purple Sea“ ist ein filmisches Dokument eines Bootsunglücks, das sich zwar um eine politische Rahmung bemüht, dessen Bilder in ihrer Direktheit sich dieser aber konsequent nur den Augenblick der Verzweiflung vermitteln.

Autor: Jakob Jurisch

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