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Mamacita ist erfolgreiche Unternehmenrin und Oberhaupt einer Großfamilie, die in ihrem eigenen Reich in Gesellschaft ihrer Diener lebt: Gärtner, Chauffeur, Hausmeister und Krankenpflegerinnen. Durch effiziente Selbstvermarktung gelang es ihr aus dem Nichts ein Imperium aufzubauen, dem auch ihre Kinder ihr Leben widmeten. Die 95- Jährige hat ihr Haus in eine Burg verwandelt, hinter deren Mauern sie die Wunden einer prominenten Eliteklassen-Familie verbirgt. Als ihr Enkel José Pablo nach Deutschland ging, um Film zu studieren, hat ihm Mamacita das Versprechen abgerungen, eines Tages nach Mexiko zurückzukehren und einen Film über ihr Leben zu machen. 

Kritik

Das Poster zu José Pablo Estrada Torrescanos Langfilmdebüt allein betrachtet passt zu einem Horrorfilm. Enttäuscht wird die Erwartung nicht, obwohl das aus respektvoller Enkelperspektive gefilmte Memorandum einer egozentrischen Matriarchin eine Doku ist. Die Chronik eines bizarren Großmutterbesuchs changiert zwischen Familienvideo und purem Grauen. Zweites regiert nicht nur, wenn eine verstimmte Spieluhr über einem verstümmelten Porzellanchristkind Stille Nacht quietscht, geplagte Bedienstete der Titelfigur schlachtfrische Schweinsohren enthaaren oder die resolute 95-Jährige über Riesenkesseln brodelnder Knochenbrühe präsidiert. 

Während die Suppenpampe unter resignierten Blicken der Hausangestellten auf den Herd schwappt, beharrt Mamacita: „Kipp noch mehr rein, es kocht nicht über!“ Zwei Dinge realisiert jeder Gast der mondänen mexikanischen Stadtvilla, die als ausrangierte Denver-Clan-Kulisse durchginge, schnell. Erstens: Die Hausherrin kennt kein Maß, sei es bei abstoßendem Tand, der jeden Winkel des vulgären Prunkanwesens anfüllt, an Taktlosigkeiten, die sie im Wissen ihrer Allmacht austeilt, oder an Theatralik, die sie vor der Kamera auslebt.

Zweitens und noch wichtiger: Mamacita hat recht. Immer. Tief verinnerlicht hat das auch der Regisseur. Sein durch ein Kindheitsversprechen an die Übergroßmutter motiviertes Porträt erinnert an die furchtbaren Ölgemälde der Verwandtschaft, die im Bildhintergrund den halben Familienclan versammeln: eine vor lauter Retusche verschwommene Repräsentation einer Prestigeperson, deren unheimliche Hand (genau die klunkernbestückte Gruselhand des Filmposters) selbst im hohen Alter eisern ihr Umfeld beherrscht. Doch der steinige Weg dorthin, den die Prämisse verspricht, bleibt im Dunkeln.

In Obskurität liegen auch die pathologischen bis perversen Verwandtschaftsverhältnisse, aus denen Mamacita hervorging, und die zwischen ihr und rund einem halben Dutzend Töchter fortbestehen. Konflikte und Leidensgeschichten stehen unsichtbar im Raum, wie die Geistererscheinungen der zunehmend umnachteten Dame. Die Gespenster spricht ihr „geliebter Goldjunge“ José Pablo auf Omas Anordnung an, nie aber die ominöse Familiengeschichte. Selbst eine Trennung zwischen Lügenmärchen, Fehlerinnerungen und realen Ereignissen bleibt aus. Verwirrend? Da wäre noch die Quelle von Mamacitas Wohlstand.

Das ist ein Beauty-Imperium, das sich auf Archivdokumenten und Videos als eine Mischung aus Sekte und Betrugskonglomerat abzeichnet. Predigt die Titelfigur auf Archivaufnahmen den Anhängerinnen ihrer Kosmetikmarke, jede Frau solle „wie ich“ sein, scheinen die Szenen direkt aus einem Okkult-Horror. Dazu passen nicht nur die Kostüme und Föhnfrisuren. Wie jedes effektive Kinomonster hat die unter Juwelen und maskenhaftem Make-up lebendig begrabene Dame eine menschliche Seite. Nur enthüllt Torrescano davon letztlich zu wenig.

Fazit

Wer dachte, „The Visit“ zeige einen gruseligen Großelternbesuch, kennt nicht die Titelfigur des unscharfen, doch grotesk faszinierenden Familieneinblicks. Die exzentrische Oma des Regisseurs, einbalsamiert in den Altwelt-Luxus ihres Anwesens, ist eine gleichsam mysteriöse, manipulative und machtvolle Präsenz, die das unschlüssige Porträt beherrscht - im Guten wie im Schlechten.

Autor: Lida Bach

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