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Es brennt in den Vorstädten … Schon bei seinem ersten Einsatz spürt der Polizist Stéphane, der Neuling in der Einheit für Verbrechensbekämpfung in Montfermeil, die Spannungen im Viertel, in dem es immer wieder zu hitzigen Auseinandersetzungen zwischen Gangs und Polizei kommt. Seine erfahrenen Kollegen Chris und Gwada, mit denen er Streife fährt, haben ihre Methoden den Gesetzen der Straße angepasst. Hier herrschen eigene Regeln, die Kollegen überschreiten selbst die Grenzen des Legalen, sehen sich dabei aber stets im Recht. Als im Viertel ein Löwenbaby, lebendes Maskottchen eines Clan-Chefs, gestohlen wird, droht die Situation zu eskalieren. Bei der versuchten Verhaftung eines jugendlichen Verdächtigen werden die Polizisten mit Hilfe einer Drohne gefilmt. Ihr fragwürdiges Vorgehen droht öffentlich zu werden, und aus den Gesetzeshütern werden plötzlich Gejagte...

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Kritik

Es war zehn Jahre vor den bürgerkriegsartigen Unruhen in Frankreich 2005, als Mathieu Kassovitz seinen Film La Haine in Cannes präsentierte. Ihm dürfte damals kaum klar gewesen sein, dass er hier einen echten Klassiker geschaffen hatte, einen Film, der die Dekaden überdauert und der mit den Ausschreitungen in Frankreich 2005 nicht obsolesziert, sondern noch an Wirkmächtigkeit gewinnt. Denn es brodelt weiterhin, insbesondere in den Pariser Banlieus, und es kommt nicht von ungefähr, dass der Guardian 2015 noch titelt: “'Nothing's changed': 10 years after French riots, banlieues remain in crisis”. Im gleichen Jahr heißt es im Song "Molotowcocktails auf die Bibliotheken" der Antilopen Gang: “Mittlerweile verlaufen die Fronten von Paris bis Compton / Die gesellschaftlichen Loser schmeißen Mollis auf die Bonzen / Aber, wenn sie sterben, erben deren Kinder ihre Konten”. 

In dieser Tradition lässt sich Ladj Lys Spielfilmdebüt Les misérables verstehen, Frankreichs Oscar-Kandidat für die anstehenden 92. Academy Awards. Ly, der in der 20 Kilometer nördlich von Paris gelegenen Gemeinde Montfermeil aufwuchs, in der er seine Geschichte ansiedelt, war zuvor fast ausschließlich als Dokumentarfilmer bekannt. Seit den Jugendclub-Tagen seiner frühen Kindheit beschäftigt er sich bereits mit Film, mit 17 kauft er sich dann die erste Kamera, im selben Jahr, als Kassowitz in Cannes mit dem Regiepreis für La Haine ausgezeichnet wird. Zehn Jahre darauf bahnt sich das frei, was sich auf den Straßen der Pariser Vororte in den letzten Jahren zunehmend angekündigt hatte. Als zwei Jugendliche auf ihrer Flucht vor der Polizei unglücklich durch die Stromschläge eines Transformatorenhäuschens sterben, entlädt sich in der Folge eine Wut der prekär lebenden Bevölkerung, die zu bürgerkriegsähnlichen Szenen und schlaflosen Nächten führt. Ly ist 2005 in Montfermeil vor Ort, hält fest, wie die Molotowcocktails geworfen werden, die Autos in Flammen stehen, doch er hält auch fest, wie die Polizei übergriffig wird und ihre Befugnisse überschreitet. Er entscheidet sich daraufhin, seine begehrten Aufnahmen nicht an die Medienhäuser zu verkaufen, die circa einhundert Stunden Videomaterial stattdessen zu einem eigenen Film mit dem Titel “365 Tage in Clichy-Montfermeil” zu komponieren. 

Mit seinem Kurzfilm Les misérables aus dem Jahr 2017 wagt sich Ly in das für ihn recht unvertraute narrative Terrain, wenngleich es nun zunehmend kompliziert wird, klare Grenzen zwischen realer und filmischer Welt zu unterscheiden - mit zehn Jahren, so Ly, sei er zum ersten Mal selbst von der Polizei durchsucht worden und noch heute lebe er in der Gegend um Montfermeil, eben dort, wo auch Hugo Teile seines kanonischen Epos aus dem Jahr 1862 verortet. Der Titel dient bei Ly insofern dafür, eine Kontinuität der “Elenden” innerhalb der französischen Gesellschaft nachzuzeichnen und soll zeigen, wie wenig sich innerhalb der letzten beiden Jahrhunderte in den Banlieus verändert habe. Ermutigt durch die positive Resonanz für seinen Kurzfilm erzählt Ly in dem in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichneten Les misérables nun in Langform vom folgenschweren ersten Arbeitstag eines Polizisten in den prekarisierten Plattenbausiedlungen Montfermeils. 

Die erste Szene des Filmes transportiert uns zurück zum Finaltag der Fußballweltmeisterschaft 2018. Eine Gruppe von Jugendlichen aus dem Pariser Umland macht sich auf den Weg in die Innenstadt zum Public Viewing. Sich die französische Flagge capeartig um den Hals gebunden tauscht man sich da über Wettquoten aus, immer wieder Fallen Namen wie Mbappé oder Modric. Es sind gute Beobachtungen, die Ly hier macht. Über die elektronischen Ticketschranken der U-Bahn wird hinweggesprungen, im blau-weiß-roten Farbenmeer flackert mitunter die rote Mondsichel und der Stern der algerischen Flagge auf, und als das Tor fällt, verschmelzen die Menschenmassen vor dem Arc de Triomphe zu einer frenetischen, unbändigen Masse. Im Fußball, so zeigt uns Ly, steckt ein utopisches Potenzial.

Mit einem Blick auf die zurückliegenden Oscar-Gewinner nimmt es wenig Wunder, dass sich das Centre national du cinéma für die Einreichung von Les misérables und gegen Céline Sciammas Portrait de la jeune fille en feu entschieden hat, kommt Lys Film doch mit weitaus größerem politischen Impetus daher. Die Geschichte um den ersten Arbeitstag des aus der Provinz stammenden Polizisten Stéphane Ruiz (Damien Bonnard, En liberté!) bei der ‘Brigade anti-criminalité’ (BAC) ist im heutigen Frankreich angesiedelt und man kann ihr die Dringlichkeit kaum absprechen. Als Stéphane mit seinen beiden Kollegen Chris (Alexis Manenti, Dans la brume) und Gwada auf Streife (Djibril Zonga, C'est tout pour moi) durch die Platten von “Les Bosquets” streift, gerät bei der Festnahme des Jugendlichen Issa (Issa Perica) alles außer Kontrolle. Dass Chris und Gwada nicht zum ersten Mal ihre Gewaltbefugnisse überschreiten, ist zu diesem Zeitpunkt schon deutlich geworden. Neu ist allerdings, dass die Polizeigewalt vom jungen Buzz (Al-Hassan Ly) und seiner Flugdrohne gefilmt wurde. Auf den Straßen entbrennen nun allerhand Gerüchte um den Vorfall, und die Machtverhältnisse innerhalb und außerhalb der Rechtsstaatlichkeit verschieben sich in auf beispiellose Art und Weise. 

Bei einer solch spannenden Prämisse und einem so aktuellen Thema ist es von großer Tragik, dass Lys Ansatz letztlich nur bedingt glückt. Während der Film als Milieustudie mit Momenten größter Hellsichtigkeit aufwartet, so z.B. wenn der Bandenchef und selbsternannte Bürgermeister (Steve Tientcheu, Im Auge des Wolfes - Dealer gegen Dealer) das Frankreichtrikot mit der Beflockung La Maire trägt, wenn die Kinder auf leeren Pappkartons einen Abhang hinunterrutschen oder wenn uns die Interdependenz zwischen Klankriminellen und der Polizei durch all die kleinen Arrangements und Geschäfte beschrieben wird, die jenseits des Gesetzes existieren. Und so ist man beinah geneigt, Ly dazu zu raten, sich wieder den Dokumentarfilmen zuzuwenden, denn was ihm beim schlichten Beobachten gelingt, gerät ihm beim Erzählen abhanden. 

Chris und Gwada, die beiden alten Hasen der BAC, werden uns von Beginn an als ihre Befugnisse überschreitende Beamte vorgestellt; insbesondere Chris ist nicht selten selbst der Aggressor in den Konflikten mit Passantïnnen. Wenn er lautstark proklamiert, dass sie als Polizei immer im Recht seien, sie sich nicht für ihre Taten zu entschuldigen bräuchten, sie seien schließlich nicht vom Kundenservice, wirkt das wie vom Reißbrett. Wie so viele Filme zuvor präsentiert uns Les misérables Fehltritte Einzelner, statt beispielsweise die Linie zwischen rechtsetzender und rechtserhaltender Gewalt zu beleuchten. Mag Ly die Prekarisierung der Polizei in Interviews auch thematisieren, in seinem Film findet dieses Thema kaum Gehör. Was für sich genommen noch nicht problematisch wäre, gerät dann zur Farce, wenn der Film behauptet, den Konflikt systemisch zu begreifen. So nicht zuletzt durch das vollkommen deplaziert wirkende Zitat aus Hugos Les Misérables, wonach es weder schlechte Menschen noch Unkraut, sondern nur schlechte Gärtner gäbe. An den Problemen beim Gärtnern, an den schlechten Gärtnern, ist Ly mit seinem Film allerdings wenig interessiert. Mit der Kamera verfolgt er indes einen dokumentarischen Ansatz, was stimmig wäre, manövrierte sich der ‘Plot’ nicht immer wieder in Stereotype, was in Kombination mit der visuellen Umsetzung bisweilen den Eindruck hervorruft, man habe es hier mit einer Fernsehproduktion zu tun. 

Fazit

Und so lässt sich konstatieren, dass Ladj Ly uns mit seinem Debütfilm "Die Wütenden - Les misérables" immer wieder spannende Einblicke in den Alltag der Banlieus liefert, es ihm allerdings an eine distinkten Erzählstimme mangelt, die es für die kommenden Projekte zu finden gilt.

Autor: Patrick Fey

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