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Quelle: themoviedb.org

Inhalt

Ein Haus an einem märkischen See steht im Mittelpunkt wechselnder Lebensgeschichten. Über Generationen hinweg wird es von unterschiedlichen Bewohnern bewohnt, deren Schicksale eng mit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verknüpft sind. Von den Jahren der Weimarer Republik über die Zeit des Nationalsozialismus bis hin zu Krieg, Nachkriegsjahren und dem Leben in der DDR spiegelt der Ort die Hoffnungen, Brüche und Verluste seiner Besitzer wider. Auch die Wendezeit hinterlässt Spuren, während alle nach Heimat und Zugehörigkeit suchen, die über die Jahrzehnte hinweg immer wieder neu definiert werden müssen.

Kritik

Kann man wirklich von einem essenziellen Bestandteil des deutschen Literaturkanons sprechen, wenn das vorliegende Werk nicht von Volker Schlöndorff (Rückkehr nach Montauk) verfilmt wurde? Jenny Erpenbecks 2007 erschienener Roman, welcher für Schlöndorffs epische Erzählung vom Deutschland des 20sten Jahrhunderts als Vorlage dient, wurde nicht nur in mehreren Bundesländern in den Lehrplan des Deutschunterrichts aufgenommen, sondern Erpenbeck selbst wurde als erste deutsche Schriftstellerin ebenfalls mit dem renommierten International Booker Prize ausgezeichnet. Unter diesem Gesichtspunkt wirkt die Bebilderung dieser Chronik vom politischen Wandel aus der Perspektive eines Grundstücks am Scharmützsee in der ländlichen Mark Brandenburg durch Schlöndorff, dessen Karriere sich von Adaptionen von Robert Musil, Max Frisch und natürlich Bertolt Brecht (mit Die Blechtrommel gewann Schlöndorff als erster deutscher Regisseur den Oscar für den besten internationalen Film) wie ein längst überfälliges Unterfangen. Erpenbecks Vorlage, welche die Geschichte ihrer eigenen Familie und Kindheit mitverhandelt, entspringt der Idee, dass eine gesamte Nation und ihre Widersprüche an einem Ort zu finden seien. Darauf verweisen in der Eröffnungsszene von Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte ein chromefarbenes Color-Grading, in welcher die scheinbaren Geister dieses Ortes umherspringen, expressiv hin. 

Was bleibt von uns an den Orten, die zugunsten des gesellschaftlichen Fortschritts zurückbleiben müssen? Diese Frage wirkt im Kino der 2020er überraschend präsent: Zu nennen seien Here von Robert Zemeckis, aber natürlich auch In die Sonne schauen von Mascha Schilinksi, in denen jeweils ein einziger Ort zum solitären Fokalisationspunkt einer Erzählung über den Wandel eines Jahrhunderts wird. Mit Heimsuchung erfährt dieses Konzept, wie auch Erpenbecks Vorlage, seine wahrscheinlich formal konfliktloseste filmische Verwirklichung: Das Haus ist in warmen und glattgebügelten Farben (orientiert zumeist an den gelb-orange-roten Glasmustern an der Tür) bebildert, der See und die Sonne am Horizont strahlen gefühlt immer gleich. Selbst wenn sowjetische Soldaten in der Hälfte des Filmes das Haus einnehmen und verwüsten, wirkt das Chaos wie aus einem experimentellen Designerkatalog. Ästhetisch lassen sich zwischen den beiden Hauptteilen, in die sich der Film grob gliedern lässt, keine Unterschiede feststellen. Dies scheint Methode zu sein, zeugt allerdings von einem recht eintönigen Geschichtsverständnis. Der ländliche Haushalt in der Zeit des Dritten Reiches, in der ein renommierter Architekt (Lars Eidinger, Sterben) und enger Vertrauter Albert Speers das Haus als Landgut für seine Ehefrau (Susanne Wolff, Fenster zum Sommer) erbauen lässt, wird von einer Atmosphäre des obszönen Wohlstands offenbart. Eidinger schwadroniert am Essenstisch über den Fortbestand der Familie und wohlangelegtes Kapital, während eine jüdische Familie im Haus nebenan, mit welcher der Architekt kein Problem zu haben scheint, bereits den Brief über ihre Deportation nach Polen erhalten hat. In diesem Muster existiert Historie in Schlöndorffs Film: als geschichtlich reicher Mikrokosmos, jedoch arm an Reibungspunkten. 

Dabei wäre doch gerade die Dynamik zwischen einer zwar nicht von der Nazi-Ideologie überzeugten, aber gnadenlos opportunistischen Familie und ihren jüdischen Nachbarn von Potential gewesen. Schlöndorffs Film fährt über deutsche Geschichte wie ein schwülstiges Bügeleisen, wozu besonders der aufdringliche Streicherscore von Ferran Cruxient beiträgt. Konzeptionell spannender wird es schließlich in der zweiten Hälfte des Filmes, in welcher eine überzeugte kommunistische Schriftstellerin (Martina Gedeck, Die Wand) nach dem Krieg das Haus bezieht. Hier manifestiert sich die zurückliegende deutsche Historie schließlich als gespenstisches Echo, wenn die Nachfahren der besagten jüdischen Familie sich gerichtlich den anliegenden Teil des Grundstücks aneignen wollen. Gedecks DDR-Fantastin, welche zwar nicht an Privatbesitz glaubt, eine Tatsache, die nicht gezeigt, sondern mehrfach explizit von ihrer Enkelin Marija (Maria Matschke, Babystar) ausgesprochen wird, zweifelt die Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens an. Dieser Konflikt ist zwar nicht besonders subtil, offenbart jedoch kontinuierliche Leerstellen in einem geschichtlichen Verständnis. So wird Heimsuchung zu einer Chronik von Menschen, die ein beliebiges Landstück für eine persönliche Utopie halten und immer wieder von sich selbst glauben, am Ende eines historischen Prozesses zu stehen, der nicht mehr zu verbessern sei. Es sind dabei besonders Anachronismen, welche den konventionell-verklärenden Ansatz von Schlöndorffs Film unterbinden: Am zentralsten ist hier ein Gärtner (Wigand Wittig), der nie zu altern scheint und fester Teil dieses Grundstücks ist. Geschichte, so kann man diese Metapher interpretieren, ist etwas, das kontinuierlich gehegt und gepflegt werden muss. Die beeindruckendste Szene des Filmes zeigt die Frau des Architekten minutenlang beim Schwimmen im See: Zum ersten Mal wird Zeit selbst zu einer Leerstelle, welche sich in den sonst so zügigen Lauf der Dinge einfügt. Jedes Haus, so kann uns Schlöndorffs Film lehren, kann ein Bündel der Geschichte, aber auch eine solche klaffende Leerstelle bilden.

Fazit

Schlöndorffs ambitionierte, epische Erpenbeck-Verfilmung „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“ interpretiert die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts als glatte Lehrstunde und gliedert sich dabei nahtlos in ein historisches Verständnis als reine Didaktik ein. Das ist teilweise sehr konventionell und verlangt von seinem Publikum nie ein eigenes Reflektieren, beinhaltet jedoch zahlreiche Momente des charmanten Anachronismus. Durch diese wird dieses Spätwerk schließlich zu einer Chronik über Bruchstücke in einer Historie und der Menschen, welche diese zu füllen versuchen. Dass ihnen (und dem Film) dies nicht immer gelingt, ist ein Testament für die unvermeidbaren Widersprüche in einem singulären, historischen Verständnis.

Kritik: Jakob Jurisch

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