Halima, eine ältere Frau, die ein ruhiges Leben am Meer führt, deren Alltag durch einen unerwarteten Anruf auf den Kopf gestellt wird und die gezwungen ist, sich mit einer Vergangenheit auseinanderzusetzen, die sie lange verdrängt hat – einer Vergangenheit, die auch die Beteiligung am illegalen Cannabishandel beinhaltet.
Kritik
In der Schönheit und Härte der rauen Landschaft des Rif, vor dessen Bergpanorama Yassine El Idrissi sein systemkritisches Figurenporträt anlegt, spiegelt sich charakterliche Stärke der resoluten Titelfigur. Halima (Khadija) führt zu Beginn als alte Frau mit ihrem Partner in Marokkos rauen Gebirgszügen eine unscheinbare Existenz. Deren hart erarbeitete Ruhe erschüttert ein Anruf ihres Anwalts und die Schatten einer Vergangenheit, die sie lange begraben glaubte. Naturalistische Bilder und minimalistische Dramatik verflechten sich zu einem zartbitteren Drama von sozialer Marginalisierung und Resilienz.
Jene Widerstandkraft zeigt die wortkarge Protagonistin, die zurückgezogen in dem von Armut und Entbehrung geprägten Landzug Marokkos lebt, noch vehementer in der fünf Jahre zuvor angelegten Haupthandlung. Ein Staatsprojekt drängt die Witwe zur Umsiedelung, doch Halima wehrt sich erfolgreich gegen die Verdrängung aus dem von ihrem verstorbenen Gatten geerbten Haus. Nicht nur Erinnerungen halten sie an dem Ort, sondern ihre materielle Existenzgrundlage. Nachdem ihre Ziegen in der Dürrezeit zugrunde gegangen sind, verdient sie ihren kargen Lebensunterhalt als Schmuggler-Stützpunkt für Cannabis-Händler.
Als einzige ertragreiche Pflanze, die in dem unwirtlichen Klima gedeiht, ist Marihuana für viele der Anwohnenden eine alternativlose Lebensgrundlage. El Idrissi zeigt das schlichte Leben seiner markanten Hauptfigur als emblematisch für die strukturelle, soziale und systemische Härte, die einfache Menschen in die Illegalität drängen, und schafft mit ihr dennoch eine autarke individuelle Persönlichkeit. Deren grimmige Entschlossenheit und sanfte Seite zeigen sich bei der Begegnung mit einem jungen Amateur-Schmuggler und Sänger, dessen Musik vage Hoffnung in das schnörkellose Szenario bringt.
Die dokumentarisch anmutende Kamera erfasst Halimas Alltag mit dem intuitiven Gespür für ausdrucksstarke Gesten und alten Schmerz, der nie ganz verblasst. Als Gegenentwurf zu sensationalistischen Zerrbildern von Drogenhandel betont die ruhige Story das alltägliche des Geschäfts mit einer Ware, deren lange Kulturgeschichte und Nutzen im Widerspruch zur Kriminalisierung steht. Der minimale Einsatz ausschließlich diegetischer Stilmittel und lange, beobachtende Einstellungen schaffen eine immersive Atmosphäre von leiser Melancholie. Integrität und Menschlichkeit der Figuren stehen im Mittelpunkt eines Werks von politischer und poetischer Kraft.
Fazit
Aufbauend auf seiner journalistischen Erfahrung eröffnet Yassine El Idrissis berührende Komposition aus Milieustudie und Menschenbild einen selten authentischen Blick auf den kriminalisierten Handel mit Cannabis in seiner marokkanischen Heimat. Als medial und institutionell ignoriertes Tabu-Thema, verstärkt die prekäre Lage derer, die im Handel mit der unnötig kriminalisierten Substanz ein Auskommen suchen, das ethische Gewicht der unsentimentalen Inszenierung. Getragen von seiner exzellenten Hauptdarstellerin und der unverfälschten Ausstrahlung der nicht-professionellen Nebendarsteller entwickelt der gemessene Plot seine subtile Stärke durch den Verzicht auf forcierte Zuspitzung.
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