Trauerfilme folgen oft bekannten Mustern. H wie Habicht versucht einen anderen Weg einzuschlagen. Statt den Verlust eines geliebten Menschen direkt zu verhandeln, erzählt die Verfilmung von Helen Macdonalds Bestseller von einer Frau, die sich nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters vollständig in die Welt der Falknerei zurückzieht. Helen kauft einen Habicht namens Mabel und macht dessen Ausbildung zum Mittelpunkt ihres Lebens. Aus dieser ungewöhnlichen Ausgangslage entsteht ein Drama über Verlust, Verdrängung und die Suche nach einem Halt in einer Welt, die plötzlich aus den Fugen geraten ist.
Der Film setzt dabei fast vollständig auf Claire Foy (All of Us Strangers), die Helen als verschlossene, kontrollierte und zunehmend isolierte Frau verkörpert. Ihre Figur trägt den Schmerz nicht offen zur Schau, sondern verbirgt ihn hinter Disziplin und Zielstrebigkeit. Genau darin liegt jedoch auch eine der größten Schwächen des Films. Weil Helen ihre Gefühle kaum nach außen trägt, bleibt die emotionale Verbindung zum Publikum über weite Strecken überraschend schwach. Man versteht, was in ihr vorgeht, fühlt es jedoch nur selten wirklich mit.
Dabei bietet die Geschichte genügend Stoff für ein eindringliches Charakterdrama. Je stärker Helen sich auf Mabel konzentriert, desto weiter entfernt sie sich von ihrem Umfeld. Freundschaften verblassen, familiäre Beziehungen geraten in den Hintergrund und der Alltag verliert zunehmend an Bedeutung. Der Habicht wird für sie nicht nur ein Tier, sondern eine Art Fluchtpunkt, an dem sie all jene Gedanken abladen kann, denen sie sich nicht stellen möchte.
Starke Bilder, begrenzte Wirkung
Die Misswahl-Regisseurin Philippa Lowthorpe und Drehbuchautorin Emma Donoghue (Raum) erzählen diese Entwicklung in ruhigen, oftmals sehr zurückhaltenden Bildern. Das sorgt für eine gewisse Ernsthaftigkeit, nimmt der Geschichte aber gleichzeitig viel von ihrer Dringlichkeit. Immer wieder scheint der Film kurz davor zu sein, tiefer in Helens Gefühlswelt einzutauchen, entscheidet sich dann jedoch erneut für Distanz statt Nähe.
Interessanterweise entwickelt H wie Habicht seine stärksten Momente nicht in den Gesprächen oder Rückblenden, sondern draußen in der Natur. Wenn Mabel durch Wälder gleitet, über Felder schießt oder am Himmel verschwindet, gewinnt das Drama plötzlich an Energie. Diese Sequenzen verleihen dem Film eine Dynamik, die ihm in vielen anderen Szenen fehlt. Für kurze Zeit wird spürbar, weshalb Helen von diesem Tier derart fasziniert ist und welche Freiheit sie in ihm zu erkennen glaubt.
Die Rückblicke auf ihren Vater, gespielt von Brendan Gleeson (The Banshees of Inisherin), erfüllen zwar ihren Zweck, bleiben jedoch etwas zu fragmentarisch, um die emotionale Wucht des Verlustes vollständig greifbar zu machen. Gleeson bringt Wärme und Charisma in seine wenigen Auftritte, doch die Beziehung zwischen Vater und Tochter wird eher beschrieben als wirklich erlebt.
So bleibt H wie Habicht letztlich ein Film, dessen Themen größer wirken als ihre Umsetzung. Die Idee, Trauer über die Beziehung zu einem wilden Greifvogel zu erkunden, besitzt zweifellos ihren Reiz und hebt die Geschichte von vergleichbaren Dramen ab. Gleichzeitig gelingt es der Inszenierung nur bedingt, aus diesem Ansatz eine wirklich berührende Erfahrung zu formen. Die schönen Naturbilder, die engagierte Hauptdarstellerin und einzelne gelungene Momente halten das Interesse aufrecht, doch die emotionale Kraft, die man sich von einer solchen Geschichte erhofft, bleibt über weite Strecken außer Reichweite. Dadurch wirkt der Film oft faszinierend zu betrachten, ohne jemals vollständig zu berühren.