Die Entstehungsgeschichte von Gina Wildkatze wirkt gleichermaßen bizarr wie berührend. Mitte der 1970er Jahre entscheidet sich die Freiburger Clubbesitzerin Gina Arnold, ihr eigenes Vermögen (angeblich rund 750.000 DM) in einen Film zu investieren – und übernimmt dabei gleich alles selbst: Regie, Drehbuch, Produktion und Hauptrolle. Gedreht wird zu großen Teilen im eigenen Etablissement, uraufgeführt 1975 in Freiburg. Die Reaktionen fallen ernüchternd aus: Spott, Ignoranz, Kopfschütteln. Ein Schicksal, das auf den ersten Blick kaum überrascht.
Diese Wildkatze träumt einen Liebestraum jenseits aller Dramaturgie
Denn oberflächlich betrachtet bringt Gina Wildkatze vieles mit, was man vorschnell als misslungen abtun könnte. Die Handlung wirkt beinahe widerspenstig unspektakulär. Statt auf klassische Dramaturgie zu setzen, beginnt der Film dort, wo andere Geschichten ihren Höhepunkt finden: nachdem sich zwei Menschen gefunden haben. Gina und Bernd sind ein Paar – und alles, was folgt, ist ein eigentümlicher Reigen aus gemeinsamen Momenten. Ausritte, sanfte Liebeserklärungen, Ausflüge mit einem geliehen wirkenden Kind, gesellige Abende mit Freund*innen. Sogar spontane Spaziergänge über den Freiburger Markt gehören dazu, als hätte jemand beschlossen, das flüchtige Glück einfach festzuhalten, koste es, was es wolle.
Man kann das als unbeholfen belächeln. Als naiv, vielleicht sogar als unerquicklich. Doch diese Sicht greift zu kurz. Denn gerade in seiner Unbeirrtheit entwickelt der Film eine seltsame Faszination. Was hier entsteht, ist kein konventionelles Drama, sondern ein beinahe entrücktes Wunschbild von Nähe und Beständigkeit. Ein Märchen, das sich wenig um erzählerische Logik schert, dafür aber umso mehr um Gefühl.
Erstaunlich ist dabei, wie solide einzelne Aspekte umgesetzt sind. Besonders die Kameraarbeit sticht hervor. Immer wieder gleiten ruhige Fahrten durch die Szenerie, die dem Film eine visuelle Qualität verleihen, die man bei einem derart persönlichen Projekt kaum erwarten würde. Man spürt, dass hier tatsächlich Geld investiert wurde. Gedreht auf 35mm, entfaltet Gina Wildkatze eine Haptik, die ihn klar von vielen vergleichbaren Selbstinszenierungen – auch aus jüngerer Zeit – abhebt. Es wirkt, trotz aller Eigenheiten und krasser Makel, wie ein „echter“ Film.
Die Schwächen liegen eher im Spiel und im Text. Dass Arnold sich selbst ins Zentrum rückt und dabei als klügste, begehrenswerteste und durchsetzungsstärkste Figur erscheint, mag zunächst irritieren. Doch statt bloßer Eitelkeit offenbart sich dahinter etwas anderes: eine leise, fast verletzliche Sehnsucht. Ihre Figur kreist um die Idee von Sicherheit, um den Wunsch nach ehrlicher Zuneigung. Unausgesprochen schwingt dabei eine Biografie mit, die von der Inszenierung von Nähe geprägt ist. In diesem Licht gewinnen selbst die unbeholfen wirkenden Liebesbeteuerungen, unterlegt mit einem monotonen Tralalala-Soundtrack, eine unerwartete Tragik.
Zwischen Kuriosität und zärtlicher Aufrichtigkeit
Auch die konfliktscheuen Erzählentscheidungen tragen zu dieser eigentümlichen Wirkung bei. Dass ein weiterer Verehrer ständig präsent bleibt, ohne je für echte Spannungen zu sorgen, unterstreicht die fast schon traumhafte Struktur des Films. Realität wird ausgeblendet zugunsten eines Zustands, in dem alles nebeneinander existieren darf, solange es dem Gefühl von Geborgenheit dient.
Dass Arnolds Umfeld dem Film damals wie heute offenbar mit Distanz begegnet, ist nachvollziehbar. Zu angreifbar erscheint dieses Projekt, zu leicht ließe es sich genüsslich zerlegen. Und doch liegt gerade darin seine Stärke. Gina Wildkatze ist kein gelungener Film im klassischen Sinne – aber ein faszinierendes Stück deutscher Filmkultur. Ein seltsames, manchmal unbeholfenes, oft überraschend berührendes Zeugnis eines sehr persönlichen Traums, über den es sich zu lachen lohnt. Nicht nur, weil er so fehlerbehaftet ist, sondern auch, weil er so eigen und knuffig ist.