6.5

MB-Kritik

Bergfest 2008

Drama – Germany

6.5

Anna Brüggemann
Peter Kurth
Martin Schleiß
Rosalie Thomass

Inhalt

Ein Wochenende in den Alpen. Der 25-jährige Schauspieler Hannes trifft in der familieneigenen Berghütte unerwartet auf seinen Vater, mit dem er seit 8 Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Aber der alternde Theaterregisseur scheint sich unter dem Einfluss seiner jugendlichen Freundin Lavinia verändert zu haben, und Hannes lernt den Vater aus einem neuen Blickwinkel kennen. Auch Hannes Freundin Ann versucht hinter die Oberfläche des belasteten Vater-Sohn-Verhältnisses zu dringen, wo sie hofft, den Schlüssel für ihre eigenen Beziehungsprobleme mit Hannes zu finden. Doch der Weg zu einer neuen, vorsichtigen Nähe führt alle vier an ihre Grenzen und konfrontiert sie schon bald mit ihren inneren Abgründen.

Kritik

Kammerspielartig konzentriert sich Florian Eichingers Spielfilmdebüt ganz auf seine vier Charaktere. Mit präziser Beobachtungsgabe und doppelbödiger Dramaturgie zeichnet der Regisseur und Drehbuchautor eine Gruppe traurig-grausamer Persönlichkeitsporträts. Über das Quartett, das in einer einsamen Berghütte zusammenfindet, verrät er gerade genug, um ihre Konflikte fesselnd zu machen. Der mehrdeutige Titel gibt den Ereignissen einen zynischen Unterton, der bereits in der Ausgangssituation anklingt. 

Das Verlobungsfest in der Familienhütte in den Alpen soll für den jungen Bühnenschauspieler Hannes (Martin Schleiß) und seine Freundin Ann (Anna Brüggemann) den Beginn ihres Zusammenlebens als Familie markieren. Doch aus der Zweisamkeit wird nichts, denn Hannes sieht Fußstapfen im Schnee und weiß, wer oben wartet: sein Vater Hans-Gert (Peter Kurth), mit dem er seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Sein Vater ist Theaterregisseur und machte Hannes Kindheit zur Hölle. „Verletzungen. Gleichgültigkeit. Das Übliche.“, beschreibt Hannes gegenüber Ann seine traumatischen Kindheitserlebnisse. Was genau sich ereignet hat, wird lediglich effektvoll angedeutet. Hannes will vor den schlimmen Erinnerungen an seinen Vater weglaufen, wie er es wohl all die Jahre getan hat, doch Ann hofft auf eine Aussöhnung zwischen Vater und Sohn. Sie überredet Hannes zum Weitergehen und initiiert damit das perfide Psychoschaustück, das sich in den nächsten Tagen auf den Brettern der Berghütte abspielt. In der Hoffnung auf eine Aussöhnung überredet Ann ihren Verlobten zu einem Besuch. Hans-Gert, der mit seiner weit jüngeren Freundin Lavinia (Rosalie Thomas) angereist ist, gibt sich überrascht. In der klaustrophobischen Enge müssen sich Vater und Sohn verdrängten Aggressionen und nie bereinigten Konflikten stellen. 

Hans-Gerts Gefühlskälte taut, doch darunter liegt keine Herzenswärme. Peter Kurth führt das glänzende Ensemble mit seiner Darstellung des narzisstischen Egozentrikers, der zwischen Heimtücke und Vulgarität wechselt. Das Fest wird zur Feier subtiler Grausamkeiten. Eine davon ist ein improvisiertes Kasperletheater, bei dem Vater und Sohn von Lavinia als Teufel und Kasper geschminkt werden, während sie selbst als Diren aftritt. Das Puppenspiel wird zur tiefenpsychologischen Burleske. Die Berufe von Hannes und Hans-Gert als Schauspieler und Regisseur verweisen zusätzlich auf die väterliche Macht über den Sohn. Ann jedoch sich anders als ihr Partner in die ihr zugeteilte Rolle zwängen. Psychisch besitzt sie, deren Mobilität durch ein Handicap eingeschränkt ist, die größte Stärke. Dank ihres emotionalen Rückhalts öffnet sich auch für Hannes nach dem quälenden Familientreffen ein symbolischer Weg ins Freie. Doch der liegt in doppeltem Sinne im Zwielicht: „Wenn das ein Spiel ist, wer hat dann gewonnen und wer hat verloren?“, fragt Hannes und erinnert damit an einen Ausspruch seines Vaters: „Triumph und Scheitern. Beides liegt nah beieinander.“

Fazit

Das Psychodrama, das in nur zehn Tage mit lediglich 50.000 Euro Budget entstand, erzielt mit minimalen Mitteln maximale Wirkung. Auch Eichingers zweiter Film „Nordstrand“ setzt sich mit den Folgen elterlicher Gewalt auseinander. Beide sind Teile einer Trilogie, die noch auf ihre Vollendung wartet. Man darf gespannt sein.

Autor: Lida Bach
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