MB-Kritik

Aanikoobijigan [ancestor / great-grandparent / great-grandchild] 2026

Inhalt

Der Kampf um die sterblichen Überreste indigener Völker ist sowohl bürokratisch als auch spirituell – in einem hochaktuellen Film zweier Mitglieder des Künstlerkollektivs New Red Order.

Kritik

Als Begriff der Anishinaabe, einer Kulturgruppe verschiedener Indigener Gemeinschaften Nord Amerikas Great Lakes Region, definiert bereits der Titel Adam und s dokumentarischer Aufarbeitung einen Gegenentwurf zum kolonialistischen Konstrukt von Ahnenschaft und Zeitbeziehung. Beide verlaufen demnach nicht in einer linearen chronologischen Distanzierung, in der ein langer Zeitraum und mehrere Generationen emotionale Abgrenzung bedeuten, sondern folgen einem Verständnis spiritueller Nähe. Jene Nähe ist brutal aufgebrochen durch den Grabraum kolonialistischer Eroberer und selbstdeklarierter Forscher, die Gebeine der Vorfahren zu morbiden Museumsgüter degradierten. 

Als entschiedene Kritik eines WASP-Wissenschaftsbetriebs, der ausgehend von einem eurozentrischen Kulturmythos andere Kulturen als minderwertig auffasst, sowie eines daran anknüpfenden ethnographischen Kinos fordert die politische Reflexion ein Umdenken in der Restitution. Aanikoobijigan, in dem der Wortstamm für Knochen auf die physische Verbindung hinweist, beinhaltet eine Parallelität von Gegenwart und Vergangenheit. Als epistemische Essenz der Spurensuche in musealen Archiven ebenso wie den privaten Lagern zeitgenössischer Grabräuber definiert diese Ontologie den Umgang mit dem sensiblen Thema. Die Regie-Brüder begleiten indigene Gemeinschaften auf ihrem langwierigen Kampf.

Die Rückführung entweihter menschlicher Überreste und gestohlener Grabbeigaben aus den Universitäten und Museen, in denen diese mal öffentlich zur Schau gestellt, mal in anonymen Boxen abgestellt, ist ein bis heute nachwirkendes Konfliktthema. Staatliche Institutionen und Individuen, die als Horte des Wissens und ethischer Errungenschaften auftreten, ihre Kollektionen aus Raubgütern zusammensetzen. Solche Praktiken verletzen die Totenruhe und perpetuieren zugleich ein nur scheinbar überwundenes Bild kulturellen Vorrechts gegenüber unterdrückten Bevölkerungsgruppen und Kulturen. Essayistische Strukturen und experimentelle Einstellungen demaskieren ethnographische Institutionen als Grundlagen kolonialer Machtmechanismen. 

Fazit

Eine lineare Narration ersetzt in Adam und Zack Khalils aktivistischem Dokument, das nach seiner Sundance-Premiere seine Festival-Laufbahn auf CPH:DOX fortsetzt, eine raum- und zeitübergreifende Collage. In deren impressionistischen Bildvisionen überwinden der emotionale und spirituelle Nähe physische Entrückung. Archivmaterial, Gespräche mit Ältesten und Repräsentanten sowie abstrakte Visualisierungen gehen ineinander über und erzeugen ein fragmentiertes Gefüge, das die nicht-lineare Zeitidee gleichsam spiegelt und erfahrbar machen soll. Dieser abstrakte Ansatz wird bewusst zur konzeptionellen und intellektuellen Herausforderung; eine Reaffirmation des filmischen Widerstands gegen akademistische Selbstherrlichkeit. 

Autor: Lida Bach
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