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Wim Wenders Collection - Blu-Ray Box-Kritik

von Levin Günther

Falsche Bewegung (1975)

Inhalt:
Der ruhige Wilhelm (Wenders-Urgestein Rüdiger Vogler) möchte Schriftsteller werden, hockt aber nur in seinem Zimmer herum. Als seine Mutter ihn dazu bringt, eine Reise hinter sich zu bringen, tut er das. Anteilnahmslos begibt er sich nach Bonn, trifft unterwegs auf viele Menschen und versucht, Menschenkenntnis zu gewinnen, um etwas schreiben zu können, dass "notwendig" ist.

Kritik:
Der Mittelteil der Roadmovie-Trilogie beginnt so, wie Alice in den Städten endet. Mit einer Hubschrauberfahrt über eine kleine Stadt. Nachdem er die Fensterscheiben seiner Wohnung mit seinen Fäusten zerschlägt bis er blutet, begibt Wilhelm sich auf seine Reise ins entfernte Bonn. Er sieht im Zugabteil Blut auf den Sitzen gegenüber - und trifft auf das stumme Mädchen neben ihm. Der Schmerz verbindet die Figuren, jedoch ist es ein Schmerz, der nicht emotional, sondern völlig teilnahmslos ausgetragen wird. Wilhelm trat die Reise an, um Menschen kennenzulernen, zu lernen und dann ein guter Schriftsteller zu werden. Und natürlich trifft er auf viele Menschen, Schauspieler, weitere Künstler, Poeten, Menschen, die noch mehr leiden, als er (so weit er es sich zumindest einbildet). Und obwohl er eine tiefe Sehnsucht empfinet bleibt er still, passiv. Beobachtet lieber, als dass er handeln würde und bekommt doch ziemlich wenig mit. Bald ist Wilhelm mit Therese und zwei anderen unterwegs, ein fünfter Mensch verfolgt sie zunächst heimlich, stößt dann zur Gruppe dazu. Gemeinsam erforschen sie die Abgründe der Stadt und ihrer Bewohner. Sie entdecken den Verfall, die Sperren, die den Menschen tagtäglich aufhalten. Wenders findet hier jedoch auch bei aller Sperrigkeit und Auf-die-12-Bildsprache immer wieder tatsächlich Bilder, die in später weltbekannten Filmen kopiert wurden. Woody Allens Manhattan zum Beispiel. Die Einsamkeit in Menschenmassen wird hier bebildert. Und tatsächlich ist Falsche Bewegung ein treffender Titel, da Wilhelm sich bei allen halbherzigen Bemühungen nicht sinnstiftend bewegt - sondern flieht. Dennoch tappt Wenders hier in die offensichtliche Falle und unterwirft den Film seinem Hauptcharakter. Wilhelm ist emotional abgestumpft - und sorgt dafür, dass der Film ebenso ist. Wilhelm hat keine Bindung zu den Menschen um sich herum. Wenders verpasst es, eine Bindung zwischen Film und Publikum aufzubauen. Und hat so ein intellektuelles Stück Film, dem es nicht gelingt, sein Wissen adäquat zu vermitteln. Gut, dass ihm der Fehler in dieser Trilogie nicht noch einmal passiert ist.

Im Lauf der Zeit (1976)

Inhalt:
Eher amüsiert als erschrocken beobachtet Bruno Winter, wie ein VW Käfer mit vollem Tempo in die Elbe rast und untergeht. Dem unverletzt an Land geschwommenen Fahrer, der sich irgendwann als Robert vorstellt, bietet Bruno an, einfach mitzukommen: Mit einem umgebauten Möbelwagen, der ihm ein mobiles Zuhause ist, steuert er meist kleine Orte im Grenzgebiet zur DDR an und wartet in den Kinos die Projektoren.

Kritik:
[…] Wenders baut eine immens enge Beziehung zwischen den Figuren und dem Publikum auf und versucht darüber, das persönliche Kino zu retten. Ein Versuch, der nun rückblickend gesehen zum Scheitern verurteilt war. Aber ist Wenders auch gescheitert? Ist er das wirklich, wenn es immer wieder Zuschauer gibt, die den Weg zu Im Lauf der Zeit finden, die sich befreien lassen und für drei Stunden überzeugen lassen, dass das Kino so lebendig ist wie eh und je. Deshalb folgt Wenders seinen Figuren bis in intimste Momente (buchstäblich bis zum Defäkieren in der Natur). Deshalb zeigt er seine Figuren beim Ausführen von Kino in seiner Reinform. Robert und Bruno vollführen Schattenspiele hinter der großen Leinwand für ein Publikum bestehend aus Kindern. Licht und Dunkel verzaubert das junge Publikum - wohl auch deshalb hat Wenders den Film in schwarz-weiß gefilmt. Es braucht nicht viel, um die Magie des Kinos aufleben zu lassen. Und dass sie langsam schwindet hängt auch mit der filmischen Sozialisierung zu tun. Jeder hat die Chance, den Stand des Kinos zu verbessern und Filme zu respektieren. […]

Der amerikanische Freund (1977)

Inhalt:
Der unscheinbare Jonathan lebt mit dem nahen Tod. Er hat Leukämie. Der zwielichtige Amerikaner Tom Ripley vermittelt ihn als idealen Killer. Denn in seinen Augen hat der harmlose Handwerker nichts mehr zu verlieren. Aber Ripley zeigt plötzlich Skrupel. Zu spät. Jonathan wird in der Pariser Metro zum Mörder. Und der braucht jetzt dringend einen Freund.

Kritik:
[…] Neben zwei wirklich meisterhaften Spannungspassagen, die Suspense derart stichhaltig definieren und Wenders inszenatorische Meisterschaft sorgsam auf den Punkt bringen, dass selbst Alfred Hitchcock seinen Hut zücken würde, bleibt Der amerikanische Freund einer durchaus einseitigen, aber gleichwohl effizient vermittelten Devise treu: In der Welt sowie in den Charakteren, die Wenders über einen Zeitraum von 130 Minuten beschreibt, scheint sich die Gefühlspalette auf Einsamkeit, Entfremdung und Isolation zu belaufen. Wir sehen die kalte urbane Architektur von Hamburg, New York und Paris und transferieren diese unmissverständlich auf die opaken Figuren. Auch in ihren Herzen herrscht eine existenzialistische Kälte, als hätten sie sich in ihrer Ziellosigkeit die Anonymität der Großstadt einverleibt, um langsam in dieser zu verfließen. […]


Technische Informationen:
Mit „Wim Wenders - Die frühen Jahre - Collection 2“ hat StudioCanal eine überaus schöne Box mit ansprechenden Filmen abgeliefert, die mit enger Zusammenarbeit mit Wenders entstand. Die aufwändige Restauration der Filme ging auf, die Bilder sind in ansehnlichem Full-HD im 1,33:1 oder 1,66:1-Format vorhanden, sodass einem die sehenswerten Anfänge von Wim Wenders nicht mehr enthalten werden müssen. Auf den Blu-Rays befinden sich eine Menge Extras, wie zum Beispiel Kurzfilme, Interviews mit dem Mann der Stunde, Audiokommentare zu den Filmen, Geschnittene Szenen, Biografien,… Wer sich für das deutsche Autorenkino interessiert, der sollte sich diese feine Kollektion nicht entgehen lassen.

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