Die Adaption des Romans „Herr der Fliegen“ von William Golding aus dem Jahr 1954 erzählt von einer Gruppe Schuljungen, die sich während eines Atomkriegs nach einem tödlichen Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel im Pazifik wiederfindet. Die Jungen schaffen Regeln, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Ralph wird zu ihrem Anführer und der vernünftige Piggy zu seiner rechten Hand. Doch als die Jüngsten von einer Furcht einflößenden Bestie berichten, beginnt der von seinem Jagdinstinkt getriebene Jack, um die Führung zu kämpfen.
William Goldings Parabel als Mini-Serie: Perspektivwechsel und Psychologisierung
Einen literarischen Klassiker als “aktueller denn je” zu beschreiben, ist gewiss eine abgenutzte Phrase, aber eine bedrückend passende für William Goldings (Herr der Fliegen) pessimistische Parabel martialischer Männlichkeit, autokratischer Aggression und dem unwiederbringlichen Verlust kindlicher Unschuld. Letzte ist eines der kontroversen Konzepte der zu einem der Standardwerke auf dem Stundenplan zählenden Romanvorlage Marc Mundens (Der geheime Garten) und Jack Thornes (Adolescence) ambitionierter Adaption. Über vier Episoden von jeweils knapp unter einer Stunde zeigen Regisseur Munden und Drehbuchautor Throne das vertraute Szenario vom Zusammenbruch zivilisatorischer Strukturen aus vier unterschiedlichen Perspektiven.
Die erste der mit den Protagonisten-Namen betitelten Episoden widmet sich Piggy (David McKenna), dem übergewichtigen Rationalisten, dessen Brille zum entscheidenden Werkzeug zum Feuermachen wird. Nach dem Absturz des Flugzeugs, das ihn mit einer Gruppe britischer Chorjungen während des Krieges evakuieren sollte, kommt er auf einer einsamen Insel zu sich. Der erste der allesamt kindlichen anderen Überlebenden, den er findet und mit dem er umgehend Freundschaft schließt, ist Ralph (Winston Sawyers). Eine als Signalhorn eingesetzte Muschel und sein zielorientiertes Charisma machen ihn zum idealen Anführer der Gruppe.
Macht, Moral und Ideologie: Natur des Bösen oder Erziehung?
Das weckt die Missgunst von Jack (Lox Pratt), der die Gruppe mit seinem Bericht von einer mörderischen Bestie im Dschungel auf seine Seite zieht. Jagdtrieb, ritualisierte Tänze und Körperbemalung markieren den Kollaps der pseudo-demokratischen Strukturen, der das Inselparadies in ein buchstäbliches Inferno verwandelt. Der dramaturgische Fokus auf individuelle Wahrnehmungen ist Teil einer pädagogischen Psychologisierung des Stoffs, der nichts über den Familienhintergrund der kindlichen Charaktere verrät und seine Figuren als gesellschaftliche Archetypen anlegt. Mit essenziellen biographischen Details und ethnischen Veränderungen versucht die elliptische Handlung hingegen eine rigorose Neuinterpretation.
Jene eliminiert Goldings Implikation einer angeborenen Gewaltbereitschaft, die nur auf eine Gelegenheit zum Ausbruch wartet, zugunsten der Milieu- und Erziehungstheorie. Während Jack augenscheinlich keinerlei familiären Halt hat und beim Abschied allein auf dem Flughafen steht, erfährt Ralph, der sich daheim um seine kranke Mutter sorgt, die umfassendste Humanisierung. Noch markanter sind die physischen Änderungen. Goldings blonder, blauäugiger, körperlich fitter und gutaussehender Ralph ist eine ideale Folie rassistischer weißer Überlegenheitsmythen und autokratischer Prinzipien einer angeborenen Führungspersönlichkeit. Jack ist das negative Pendant dazu als ungelenke, hässliche Verkörperung eines animalischen Bösen.
Munden revidiert dies, indem sie Ralph als Kind eines Schwarzen Elternteils darstellen, und Jack als blond, blauäugig und normschön. Die Assoziation einer mit indigenen Kulturen assoziierten Körperbemalung und kultischen Tänzen zementier jedoch die kolonialistischen Facetten der Vorlage, die britische “Zivilisation” gegen eine blutrünstige “Verwilderung” stellt. Zwar sind Ralph und Jack weniger absolutistisch als gut und böse charakterisiert, doch das Gleichsetzen familiärer Vernachlässigung mit quasi-psychopathischen Zügen ist ebenso reduktiv wie vorurteilsbelastet. Goldings Gedanke eines diffusen, angeborenen Bösen ist weit beunruhigender als Mundens apologetische Ausflucht, die den Kernkonflikt des Romans untergräbt.
Ästhetik und Inszenierung: Zwischen paradiesischer Utopie und apokalyptischem Inferno
Eine fast surreal anmutende Farbintensität und hyperrealistische Kulissen schaffen eine flirrende Ästhetik, die den moralischen Abgrund zwischen paradiesischer Utopie und apokalyptischer Zerstörung unterstreicht. Die unbefangene Intensität der jungen Darstellenden verleiht den Figuren mehr Nuancen als das pauschale Psychologisieren. Der prismatische Aufbau bremst den Erzähl-Fluss zugunsten einer nur scheinbar differenzierten Motivanalyse. Sounddesign und Musik katalysieren die Aura unausweichlichen Untergangs und schaffen eine dichte, getrieben Atmosphäre. Fieberwahnhafte Visionen ergänzen die abgeschwächte Brutalität, die mit Momenten naiver Verspieltheit kontrastiert. Formal und schauspielerisch beeindruckend, doch inhaltlich hinter ihrem religions- und ideologiekritischen Potenzial, besticht die Mini-Serie vor allem als postmoderne Revision und Diskussionsmaterial.