Erwähnungen
Netflix' Piratenabenteuer groovt sich ein auf der Grandline - Kritik zu Staffel 2 von One Piece
Von memorylab in Netflix' Piratenabenteuer groovt sich ein auf der Grandline - Kritik zu Staffel 2 von One Piece
am Samstag, 14 März 2026, 18:04 Uhr
- 1
- 0
In 84 Ländern konnte die Live-Action-Adaption von One Piece, dem erfolgreichsten Manga weltweit, die Spitze der Netflix-Charts erklimmen. Und dieser Rekord war fast schon Pflicht, immerhin hatte der Streaming-Riese für jede der acht Folgen kolportierte 18 Millionen US-Dollar bezahlt. Diese Geldsumme dürfte auch im Bereich des Realistischen für die Folgen der zweiten Staffel sein, die lange auf sich warten ließ. Rund zweieinhalb Monate betrug die Wartezeit, eine halbe Ewigkeit im Streaming-Zeitalter.
Warten wollen Showrunner Steven Maeda und dem Schöpfer des Originals, Eiichiro Oda, zu Beginn von Staffel 2 ganz und gar nicht. Flott greift die Handlung die Folgen von Lorenor Zorros (gespielt von Mackenyu) Mord eines Agenten der Baroque-Firma auf. Die Organisation ist in dieser Staffel sowie in der noch entstehenden dritten ganz klar der Hauptgegner. Für die Strohhut-Bande rund um Monkey D. Ruffy (gespielt von Iñaki Godoy) geht die Reise nahtlos weiter – dorthin, wo Piratenkönig Gold Roger das Piratenzeitalter in dieser Welt einläutete.
Darüber hinaus wird Ruffys Vater, Vizeadmiral Garp (Vincent Regan), in die Geschichte eingebunden – zum einen durch die Baroque-Firma, zum anderen erneut durch Tatsachen, von denen Anime- und Manga-Leser:innen erst weit später erfahren. Die hermetische Arc-Struktur aus Manga und Anime brechen die Verantwortlichen damit weiterhin auf. So kommt die Welt von One Piece mit den parallelen Erzählstrangen besser zur Geltung.
Nahtlos setzt sich das Abenteuer der Strohhut-Bande fort. Eine gute Entscheidung war es, den Alabasta-Arc auf Staffel 3 auszubreiten. Mit Blick auf die gleiche Episodenanzahl stellt sich wieder die Frage: Wird die Serie die Arcs Logue Town bis Drumm im Eiltempo abhandeln? Die Antwort: Jein.
Netflix hat vermutlich aus Budgetgründen die maximale Dauer pro Folge auf eine Stunde ohne Abspann beschränkt. Das mag man aus wirtschaftlicher Sicht verstehen. Jedoch ist das hinderlich in der ersten Folge, die in Logue Town spielt. Die Ereignisdichte ist hoch, einige Schlüsselmomente geschehen im Heimatort des Piratenkönigs. In einem der wichtigsten Momente in der gesamten Geschichte droht ein gefesselter Ruffy, auf dem Schafott wie einst sein Vorbild enthauptet zu werden.
Filmische Mittel reizt Regisseurin Emma Sullivan hier nicht aus. Warum nicht auf eine Zeitlupe zurückgreifen oder einen Rückblick zu Gold Rogers Hinrichtung als Match Cut einblenden? Warum nicht mal die Musik kurzzeitig komplett abdrehen oder ein paar Sekunden eine Schlüsselszene weiterlaufen lassen? Ruffys Stellenwert wird für seine Piratenbande nicht klar, genauso wenig wie für den weiteren Verlauf der großen Geschichte. Da gefällt auch die Anweisung an Godoy nicht, das aus dem Original symbolische Lächeln (!) in ein mehrsekündiges, in der Notlage ausdrucksschwaches Lachen umzuwandeln.
Wenn das Drehbuch verstärkt die durch den Meeresspiegel isolierten Länder und die „großen Player“ einbindet sowie eine weitreichende Historie aufzeigt, dann sollte man sich nicht vor personalen Parallelen scheuen. Und Anspielungen dürfen auch zu Panels aus dem Manga gezogen werden.
Hier mag ein One-Piece-Fan die Serie auf einem hohen Detailgrad kritisieren, aber die anfängliche Eile in der Erzählung ist spürbar – und erscheint völlig unnötig, wenn man auf die teils ausufernde Episodendauer in „Stranger Things“ schaut.

In späteren Folgen von One Piece werden die wichtigen Momente deutlich besser umgesetzt – beispielsweise der Reverse-Mountain-Arc, der mit weniger Lore als Logue Town aufgeladen ist. Hervorzuheben ist da gleich die zweite Folge „Good Whale Hunting“. Eine Abweichung vom Original macht es möglich, dass man die Themen Hoffnungslosigkeit, Sehnsucht und Wille sowohl für Ruffy nach seinen Freunden als auch für den riesig gewachsenen Wal Laboon nach seinen Rettern in der Rumba-Piratenbande, geschickt in sehr gelungene Einstellungen übersetzt. Dadurch tritt Ruffys Empathievermögen sogar besser in den Vordergrund als in der Vorlage.
Und damit müssen auch die Spezialeffekte hervorgehoben werden. Die haben sich im Vergleich zur ersten Staffel verbessert, sei es der Riesenwal, die Teufelskräfte von Marine-Kapitän Smoker und dem später erscheinenden König Wapol, oder das exzellente Design des plüschigen Mensch-Elch-Hybrids Tony Chopper. Zugunsten der Umsetzung machen die Showrunner dafür allerdings häufig von gedimmten Innenräumen und Dunkelheit Gebrauch.
Angesprochen auf die Figuren, ist das Prunkstück der Live-Action-Serie ganz klar der Cast. Basierend auf dem Äußerlichen haben die Casting-Direktorinnen Libby Goldstein und Junie Lowry-Johnson eine astreine Arbeit geleistet. Im Netz ließen die Ankündigungen der ausgewählten Schauspieler:innen die Community bereits überwiegend begeistert zurück. Und im Endprodukt kann jede Schauspielerin und jeder Schauspieler aus seiner Rolle noch das nötige Etwas herauskitzeln. Kleine Ergänzungen, zum Beispiel zu Sanjis (Taz Skylar) Kindheit, zur Herkunft der Krone von Mr. 9 (Daniel Lasker) und zur Psyche von Miss Goldenweek (Sophia Anne Caruso), auf ihrer Suche nach einem Kompagnon, wissen zu gefallen.
Weiterhin beeindruckt Lera Abova als gecastete Nico Robin/Miss All Sunday, die mit ihrer Präsenz und dem kühlen Sprachstil die Szenen dominiert. Die Baroque-Agenten, darunter Camrus Johnson als Mr. 5 und David Dastmalchian als Mr. 3, sind sehr gut in Szene gesetzt. Am herrlichsten ist das von Callum Kerr verkörperte Gimmick des Smoker mit seinen zwei Zigarren im Mund inklusive einer gehörigen Menge ausgestoßenem Rauch. So viele weitere Figuren, natürlich auch die Strohhüte, kann man noch erwähnen, aber dann scrollt man sich hier noch mehr einen Ast ab als ohnehin schon.

Das herausragende Casting, die verrückten Designs mancher Tiere – die tollen Animatronics der Teleschnecken! – und Konstruktionen und die Handarbeit an den Sets in der Live-Action-Fassung greifen die Absurditäten des One-Piece-Universums gut auf. Sie erscheinen selbstverständlich, was immens wichtig für diese Fantasy-Geschichte ist.
Was die Kämpfe anbetrifft, zeigt sich wiederum ein ähnliches Bild zu Staffel 1. Der betonte Realismus ist, im Vergleich zu der heute vermehrt überdimensionierten Gestaltung der Attacken im Anime, erfrischend mitanzusehen. Ebenfalls verfestigt sich mit den passenden Splitscreens das Motto zum Gewinnen: Nur gemeinsam kann man den Gegner bekämpfen. Völlig verständlich.
Nur die Kampfkraft von Ruffy – immerhin der Kapitän der Strohhut-Bande – wird dadurch unterminiert. Seinem Attacken-Repertoire fehlt immer noch jegliche Wucht. Das erscheint unglaublich, wenn Smokers pistolenartige Attacke im nächsten Moment bombastisch daherkommt. Bei Ruffys Angriffen klingt das Sounddesign, als hätte man seinen gummiartigen Körper zu wörtlich genommen.
Musikalisch möchten die Showrunner unbedingt eigene Akzente setzen. Das gelingt in den letzten beiden Folgen, generell klingt der Score vergänglich. Lästig wird er obendrein in den Actionsequenzen, dort hätte man einige Male auf Musik verzichten können.
Fazit
Netflix nächstes Flaggschiff in seiner Serien-Flotte hat sich in der zweiten Staffel merklich verbessert und kann sich wirklich sehen lassen. Die Adaption ist genauso quirlig wie die Manga- und Anime-Vorlage und überrascht mit berührenden Momenten. Showrunner Steven Maeda und Matt Owens finden einen Flow, und das trotz des anfangs zu hohen Pacings. Ab Folge Zwei entfaltet die kreative Freiheit ihre volle Wirkung. Die erzählerischen Kniffe verleihen den Figuren die nötige emotionale Tiefe und bilden einen schönen Gegenpol zu einer durch und durch wahnwitzigen Welt, die die Showrunner einfangen. Dazu gesellen sich eine bodenständige Action sowie ein durch die Bank glänzendes Casting. Ebenso sind der Aufwand und die Leidenschaft hinter den Designs der Sets, Kostümen und Figuren den Macher:innen hoch anzurechnen.
Ein großes Manko sind die dürftig umgesetzten Schlüsselszenen zu Beginn, die ausgerechnet den Protagonisten von One Piece nicht herausstechen lassen. Die Musik kann erst zum Ende der Staffel ihre eigenen Akzente setzen und ist davor überwiegend nettes Beiwerk. Für Staffel 3 jedenfalls haben die Verantwortlichen die meisten richtigen Zutaten bereits beisammen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Live-Action-Serie nicht erneut zu lange in windstillem Gewässer verweilt.
Wird geladen...

