Story
In einer finsteren, klirrend kalten Nacht werden die Graumähnen von ihrem Erzfeind, den Schwarzbären, überfallen. Nach einem erbitterten Ringen sind viele gefallen, die Überlebenden in alle Winde zerstreut. Kliff bricht auf, um seine verstreuten Gefährten wiederzufinden und alles zurückzuholen, was verloren ging. Dabei stößt er auf neue Verbündete, unausweichliche Feinde und eine rätselhafte Macht, die im Verborgenen wirkt, und erkennt, dass Prüfungen von nie dagewesenem Ausmaß und ein gewaltiges Schicksal auf ihn warten.
Kritik
Schon im Vorfeld bestand um Crimson Desert ein regelrechter Hype. Befeuert durch das eindrucksvolle Videomaterial, den ambitionierten Versprechen der Entwickler und dem Rätselraten, um was für eine Art von Spiel es sich denn genau handelt. Denn ursprünglich war Crimson Desert eigentlich mal als MMO konzipiert, entwickelte sich dann aber in den letzten Jahren zu einem reinen Single-Player-Game. Und das ist nun für PC und Konsolen erschienen und sorgt dabei aus unterschiedlichen Gründen für vielerlei Gesprächsstoff. Wir haben uns auf der PS5 Pro ins Abenteuer gestürzt und berichten von unseren vielen tollen, wenn auch nicht immer positiven Eindrücken der magischen Open World.
Was genau ist Crimson Desert nun eigentlich? Im Grunde eine Mischung aus RPG und Action-Adventure, das sich mit seinen Features an zahlreichen Vorbildern wie Red Dead Redemption 2, The Legend of Zelda: Tears of the Kingdom, Assassin's Creed und The Witcher 3 bedient. Klingt erst einmal alles andere als verkehrt, wenn man sich von solchen Genregrößen inspirieren lässt und beliebte Elemente daraus herauspickt, um sie im eigenen Spiel zu integrieren. Ist aber womöglich auch etwas zu viel auf einmal gewollt. Denn auch wenn zahlreiche Features wirklich gut funktionieren, ist lange nicht alles davon qualitativ auf Augenhöhe mit dem Ursprungsmaterial oder auf dem Stand, den man sich erhofft.
Das zeigt sich zunächst in der dünnen Story, die eher Beiwerk ist, um durch die Welt zu führen, als dass sie einen jemals wirklich packen würde. Die Charaktere bleiben blass, Wendungen oder erzählerische Kniffe sucht man vergebens. Selbst die Entwickler entschuldigten sich bereits öffentlich dafür, dass man in diesem Punkt den Erwartungen der Spieler nicht gerecht wurde, weil man seinen Fokus in andere Bereiche gesetzt habe. Wer dennoch in das Lore eintauchen möchte, muss viel Geduld mitbringen und sich in den umfangreichen Kodex-Beiträgen einlesen, die regelmäßig angefertigt werden. Vieles, was das Spiel uns nicht zeigt oder erklärt, findet sich dort wieder. Ändert aber nichts daran, dass Crimson Desert mit seiner Handlung auf Sparflamme steht und keinesfalls der Grund sein sollte, warum man sich für den Titel entscheidet. Durchaus schade, da man mit einer spannenden Story noch so viel mehr hätte herauskitzeln können, ist aber angesichts der Vorzüge, die einem gegeben werden, verkraftbar.
Denn womit Crimson Desert so richtig auftrumpft ist die grandiose Spielwelt mit ihrem Mix aus klassischer Fantasy und Steampunk, die nicht nur unfassbar riesig ausfällt (doppelt so groß wie die Welt eines Skyrim), sondern mit all ihren Geheimnissen und Wunder zum eintauchen einlädt. Nur wenige Open-World-Games liefern einem ein Gefühl von echter Freiheit, wirklich alles zu erkunden, was man am weiten Horizont erblickt (Elden Ring oder Tears of the Kingdom zuletzt), Crimson Desert schafft das Kunststück aber mit Bravour. Hier eine Burg, dort eine Ruine, dann wieder eine Höhle, eine Stadt oder ein magischer Schrein, ständig stolpert man über interessante Orte, die einem ins Auge springen und von seiner eigentlichen Aufgabe ablenken. Und das Erkunden lohnt sich in vielen Fällen tatsächlich, da man dabei auf zahlreiche Rätsel und lohnenswerten Loot stößt. Nicht umsonst erscheinen gerade tagtäglich Videos in den sozialen Medien, in denen neue Geheimnisse gelüftet wurden, von denen niemand etwas geahnt hätte. Crimson Desert ist vollgepackt davon und belohnt neugierige Spieler, die gerne tüfteln und die Augen offen halten.
Die Welt erstreckt sich nicht nur über dem Boden, sondern reicht auch hoch bis in die Lüfte. Ähnlich wie in Tears of the Kingdom gibt es über den Wolken ein komplettes Reich, das mit seinen knackigen Puzzles ebenfalls zum Erkunden einlädt. Jederzeit lässt sich von dort hinunterspringen und auf spektakuläre Weise auf den Boden fallen lassen. Da unser Charakter über einen Gleitschirm verfügt, lässt es sich auch sicher und elegant fliegen und landen. In unserer Testversion war die Ausdauer dafür noch stark beschränkt, mittlerweile hat Entwickler Pearl Abyss allerdings per Patch nachjustiert, sodass nun auch wesentlich längeres Gleiten möglich ist, wodurch der Spaßfaktor deutlich erhöht wurde.
In Crimson Desert gibt es wahnsinnig viel zu tun, selbst die erste von insgesamt fünf Regionen des Kontinents kann einen gut und gerne 50 Stunden oder mehr beschäftigen, wenn man all den Nebenaufgaben, Aktivitäten oder Minigames nachgeht. Vieles davon ist natürlich optional, jeder Spieler kann also für sich selbst entscheiden, was und wie viel er davon machen möchte. Lohnenswert ist dabei aber vor allem der Aufbau eines eigenen Camps, das über das Rekrutieren alter Gefährten und dem Sammeln von Ressourcen geschieht. Mit der Zeit entsteht so auf einer leeren Wiese ein eindrucksvolles Lager, in welchem wir uns mit fast allem eindecken können, was wir für unser Abenteuer brauchen. Und von wo aus wir unsere Kemraden auf eigene Missionen quer durch die Welt schicken.
Die Questgestaltung selbst ist dabei in der Regel eher simpel gestrickt: Etwas beschaffen, jemanden töten, etwas liefern, ein bestimmtes Gericht kochen... Die Qualität eines Witcher 3 erreicht Crimson Desert in dieser Hinsicht also keinesfalls. Da aber wie bereits erwähnt die Welt so faszinierend ausfällt und man es nicht erwarten kann, in neue Ecken vorzustoßen, ist das mehr oder weniger verkraftbar. Manchmal warten hinter den Questreihen aber auch eigene Bosse und besondere Belohnungen, sodass der Reiz doch wieder gesteigert wird. Anstrengend sind allerdings einige Quests, die regelrecht zum Zeittotschlagen gedacht sind. Wenn man beispielsweise gezwungen wird, mit einem unhandlichen Frachtwagen in gemächlichem Tempo quer über die ganze Map zu fahren, kann das einem schon den letzten Nerv rauben.
Im Laufe der Zeit gewinnen wir mit Damien und Oongka noch zwei Begleiter hinzu, die wir entweder selbst steuern, oder die uns (auf Wunsch) abseits von Bosskämpfen zur Seite stehen. Jeder der beiden bringt sogar einen eigenen Skilltree mit und spielt sich merklich anders als die anderen. Tolle Sache, allerdings auch erst im Late Game wirklich relevant, da die beiden erst später hinzustoßen oder (storybedingt) zwischendurch für mehrere Kapitel einfach mal abwesend sind.
Interessant ist die Art und Weise, auf der wir unseren Charakter verbessern: Statt klassisch Erfahrungspunkte zu sammeln und diese in Attribute oder Skills zu investieren, sammeln wir durch das Absolvieren von Quests oder Besiegen von Gegnern gelegentlich Artefakte, die wir zum Freischalten neuer Fähigkeiten einsetzen können. Artefakte finden wir allerdings auch überall in der Spielwelt, müssen diese jedoch erst einmal durch besondere Herausforderungen öffnen. So lassen sich entweder die drei grundlegenden Werte Gesundheit, Ausdauer und Geist steigern oder neue Fähigkeiten erlernen, die unser Kampfverhalten oder unsere Fortbewegung und Interaktion mit der Welt begünstigen. Auch etwas Magie gehört zum Repertoire. Viele der Fähigkeiten können wir uns aber auch von unseren Gegnern oder anderen NPCs "abgucken". Wenn wir beispielsweise einen Boss bekämpfen, der einen besonderen Move beherrscht, können wir diesen erlernen, wenn wir seine Ticks oft genug beobachtet haben.
Das Kampfsystem bietet mit seinen vielen Fähigkeiten eine Menge Möglichkeiten und wird im späteren Verlauf durchaus komplex. Auch ist es herrlich wuchtig inszeniert und begeistert durch tolle Choreografien. Dennoch hinterlässt es einen eher zwiespältigen Geschmack, was an einigen ungünstigen Designentscheidungen liegt. Normale Gegner sind uns in der Regel unterlegen und werden einfach und schnell weggemetzelt was dazu führt, dass uns das Spiel in einigen Missionen mehrere hundert (!) davon auf den Hals hetzt. Dann wird Crimson Desert fast schon zu einem Musou-Spiel wie Hyrule Warriors, wo man sich plump durch die Massen klickt.
Boss Kämpfe hingegen sind gelegentlich fast schon wieder unfair, weil diese uns derart schnell und ohne Pause mit Angriffen traktieren oder mit überstarken Fähigkeiten One-Shot-Kills erzielen, dass man manchmal nicht einmal die Gelegenheit dazu hat, sein Schwert zu ziehen. Es gibt auch Bosse wie beispielsweise den Keglord Garnier Mk. XXIII aus dem Circuszelt, die für den gegebenen Rahmen einfach unpassend designt sind, wo das pure Chaos regiert und das unbeholfen ablaufende Duell mit Spaß nicht mehr viel zu tun hat, da man recht handlungsunfähig bleibt. Natürlich haben auch Soulslike-Spiele wie Bloodborne oder Dark Souls flinke und ultraharte Gegner, dort sind die Kämpfe aber so gestaltet, dass man, wenn man die Angriffsmuster erlernt, stets eine faire Chance gegen sie besitzt. Außerdem ist die Steuerung dort einfach viel ausgeklügelter und erlaubt weitaus präzisere Manöver. In Crimson Desert ist unser Charakter vergleichsweise aber eher träge und die Eingaben der ohnehin schon überladenen Steuerung werden nicht immer korrekt gelesen. So bescheuert es auch klingt: Um einige der Bossfights zu bestehen, muss man sich dutzendfach mit Essen im Gepäck eindecken, das man mitten im Kampf pausenlos in sich einwift. Denn nur so heilt man sich und übersteht das Ganze irgendwie. Mit der Eleganz eines From Software-Titels hat das nicht viel zu tun.
Auch die vielen Puzzles im Spiel sind Fluch und Segen zugleich. Lobenswert ist, dass die Entwickler sich mit ihren vielen Ideen regelrecht ausgetobt haben und man eine breite Varianz an abwechslungsreichen Einfällen findet. Wer Spaß am Knobeln hat, wird sich definitiv die Hände reiben, da die Lösungen oftmals alles andere als einfach sind und uns das Spiel nur wenig oder auch gar keine Hinweise gibt, was eigentlich zu tun ist. Kann man mögen, kann aber auch schnell in Frust ausarten, wenn ständig Youtube-Videos aufgesucht werden müssen, um doch irgendwie die Nuss zu knacken. Problem ist nämlich, dass anders als beispielsweise in einem Baldur's Gate III, das uns zig kreative Möglichkeiten gibt, um ans Ziel zu kommen, in Crimson Desert oftmals eine ganz bestimmte Methode zum Absolvieren verlangt wird und Abweichungen nicht toleriert werden. In einer Mission sollen wir beispielsweise in einem feindlichen Stützpunkt einen beladenen Karren zerstören, was an sich sehr simpel klingt. Allerdings hilft es weder mit aller Kraft Draufzuschlagen, noch Feuer- oder Sprengpfeile zu benutzen. Die Lösung? Mittels Schwertes das Licht auf den Karren reflektieren, damit dieser zu brennen beginnt. Nicht nur, dass das wenig Sinn ergibt, auf den Quatsch muss man natürlich erst einmal kommen. Und solche Momente kommen in Crimson Desert schon mal öfter vor, in denen eine Aufgabe, die eigentlich einfach erscheint und bei der wir im Grunde wissen, was zu tun ist, daran scheitert, dass die Durchführung davon, wie sie sich die Macher vorgestellt haben, nicht so schnell ersichtlich ist. Unnötig konfus gehalten also.
Im Vorfeld des Release stand stets die Frage im Raum, ob das Spiel denn technisch sauber laufen würde. Und tatsächlich ist das der Fall: Auf der getesteten PS5 Pro läuft das Spiel weitestgehend flüssig und sieht dabei optisch auch noch richtig gut aus. Die Umgebung ist detailiert gestaltet und vor allem die Weitsicht ist höchst beeindruckend. Wer einmal von einem hohen Punkt den Blick auf die weite Landschaft wirft, wird aus dem Staunen nicht so schnell herauskommen. Im Test sind wir nur auf zwei Situationen gestoßen, in denen die Framerate in den Keller gestürtzt ist, ansonsten lief alles geschmeidig. Zu Beginn unseres Tests traten noch einige üble Bugs auf, die entweder zu Abstürzen führten oder zum Reload des Spielstand zwangen (z. B. weil in den Quests nicht richtig triggerten). Mittlerweile hat Pearl Abyss mit einigen Patches aber ordentlich nachgeholfen und viele dieser Probleme sind nun Geschichte. Das Game läuft nun wesentlich stabiler und Fehler treten weitaus seltener auf.
Man könnte über Crimson Desert noch so viel mehr schreiben, weil das Spiel dermaßen vollgestopft mit Content ist: Das Fraktionssystem, das Handelssystem, die umfangreiche Flora und Fauna der Welt, mit der man sich beschäftigen kann, Forschung verschiedener Institute, die man betreiben kann, um damit neue Features freizuschalten, der magische Kuku Pott, über den wir völlig abgefahrene Ausrüstung wie einen Laser-Helm oder einen Mecha-Roboter basteln können, Drachen, mit denen wir durch die Lüfte fliegen können, unsere Ultra-Hand, mit der wir unsere Umgebung wie in Zelda manipulieren können, Hunde und Katzen, mit denen wir uns anfreunden können, damit diese uns auf unseren Abenteuern begleiten... die Liste ließe sich noch endlos weiter fortführen und der Text würde zu keinem Ende kommen. Fakt ist aber: Langeweile kommt hier so schnell definitiv nicht auf und die Liebe zum Detail ist jederzeit spürbar.
Fazit
"Crimson Desert" ist ein gewaltiges Spiel, das mit schierer Größe und umfangreichen Content regelrecht erschlägt. Wer hier einsteigt, kann sich gut und gerne für 200-300 Stunden darin verlieren. Der Einstieg verläuft dabei zunächst etwas holprig und erfordert viel Geduld und Willen, sich in all die vielen Systeme einzuarbeiten. Wer sich darauf einlässt und richtig damit beschäftigt, wird mit einer großartigen Spielerfahrung belohnt, die auch nach etlichen Stunden immer noch mit zahlreichen Überraschungen zu begeistern weiß. Zwar ist längst nicht alles an "Crimson Desert" perfekt und auch Frustmomente sind hier und da unumgänglich, doch mit den Macken lernt man im Laufe der Zeit zu leben und umzugehen. Die fantasische Spielwelt lässt einen nämlich nicht mehr so schnell los und will immer weiter erkundet werden. Etwas, was anderen Open-World-Spielen in der Form nur ganz selten gelingt.