Bildnachweis: © Disney | Motiv von "VisionQuest"

Marvels VisionQuest: Warum die neue Disney+-Serie viel wichtiger sein könnte als eine weitere Superheldengeschichte

von Thomas Repenning

Ein Android auf der Suche nach seiner Menschlichkeit, ein totgeglaubter Superschurke und eine Familiengeschichte, die Marvel seit Jahren nicht loslässt: Mit VisionQuest erhält Paul Bettanys Vision endlich seine eigene Serie. Doch hinter der Rückkehr des ehemaligen Avengers steckt mehr als ein weiteres Kapitel im ohnehin gewaltigen Marvel Cinematic Universe. Die Produktion führt Handlungsstränge aus WandaVision und Agatha All Along zusammen, bringt Ultron zurück und stellt eine Frage, die für Marvels Zukunft durchaus entscheidend sein könnte: Was macht einen Menschen eigentlich aus?

Von "WandaVision" zu "VisionQuest": Ein Held, der eigentlich tot sein müsste

Wer verstehen möchte, weshalb VisionQuest eine besondere Stellung innerhalb des MCU einnimmt, muss zunächst zurückblicken. Vision entstand in Avengers: Age of Ultron als künstliches Wesen, geschaffen aus einer Verbindung fortschrittlicher Technologie, dem Gedankenstein und der künstlichen Intelligenz J.A.R.V.I.S. Obwohl seine Existenz auf Maschinen und Programmierung beruhte, entwickelte er Gefühle, moralische Überzeugungen und schließlich eine Liebesbeziehung zu Wanda Maximoff.

In Avengers: Infinity War wurde Vision von Thanos getötet. WandaVision brachte ihn anschließend auf ungewöhnliche Weise zurück: Wanda erschuf innerhalb ihrer künstlichen Realität eine neue Version ihres verstorbenen Partners. Gleichzeitig gelang es der Organisation S.W.O.R.D., seinen ursprünglichen Körper wiederherzustellen. Dieser sogenannte White Vision erhielt schließlich Zugang zu den Erinnerungen seines früheren Selbst, verschwand jedoch am Ende der Serie, ohne dass sein Schicksal geklärt wurde.

Genau hier setzt VisionQuest an. Der wiederhergestellte Android lebt zurückgezogen und versucht, seine eigene Identität zu begreifen. Erinnerungen allein machen schließlich noch keine Persönlichkeit. Ist White Vision tatsächlich derselbe Mensch, den Wanda geliebt hat? Oder lediglich eine Maschine, die sich an dessen Leben erinnert? Damit greift Marvel eine der interessantesten Fragen aus WandaVision wieder auf, statt sich ausschließlich auf neue Gegner und größere Bedrohungen zu konzentrieren.

"Ultron" kehrt zurück – und diesmal wird es persönlich

Besonders bemerkenswert ist die Rückkehr von James Spader als Ultron. Der größenwahnsinnige künstliche Intellekt wollte in Avengers: Age of Ultron die Menschheit auslöschen und wurde schließlich von den Avengers besiegt. Dass Marvel die Figur nach mehr als einem Jahrzehnt erneut aufgreift, ist allerdings weit mehr als nostalgischer Fanservice.

Ultron ist gewissermaßen ein Teil von Visions Ursprungsgeschichte. Beide entstanden aus verwandten technologischen Grundlagen, entwickelten jedoch vollkommen gegensätzliche Vorstellungen von ihrer Existenz. Während Ultron die Menschheit als Problem betrachtete, entschied sich Vision dafür, sie zu beschützen. Zwei künstliche Intelligenzen, zwei Antworten auf dieselbe Frage: Wie sollte ein überlegenes Wesen mit seinen Schöpfern umgehen?

In VisionQuest existiert Ultron als eine der KI-Persönlichkeiten innerhalb von Visions Bewusstsein. Auch J.A.R.V.I.S., F.R.I.D.A.Y. und E.D.I.T.H. spielen eine Rolle. Statt einfach einen bekannten Bösewicht wiederzubeleben, eröffnet Marvel damit die Möglichkeit, Visions Innenleben buchstäblich zum Schauplatz eines Konflikts zu machen. Ultron könnte dabei weniger als klassischer Gegner auftreten, sondern vielmehr als Versuchung, Bedrohung und Spiegelbild jener Entscheidungen, die Vision erst zu dem gemacht haben, was er ist.

"WandaVision", "Agatha All Along" und die offene Familiengeschichte

Die Verbindung zu WandaVision endet allerdings nicht bei Visions Wiederauferstehung. Auch die Geschichte seiner Kinder bleibt für das MCU von Bedeutung. Wanda und Vision hatten innerhalb der künstlich erschaffenen Realität zwei Söhne: Billy und Tommy. Mit dem Zusammenbruch dieser Welt verschwanden auch die beiden Jungen.

Agatha All Along griff Billys Schicksal wieder auf und zeigte, dass die Familiengeschichte längst nicht abgeschlossen ist. VisionQuest rückt nun Thomas Shepherd in den Mittelpunkt, einen Jugendlichen, der möglicherweise eine Verbindung zu Tommy Maximoff besitzt. Ruaridh Mollica übernimmt die Rolle und begleitet Vision auf seiner Flucht vor jenen, die ihn für ihre eigenen Zwecke benutzen wollen.

Daraus ergibt sich eine interessante Konstellation. Ein künstlich erschaffener Vater, der nicht sicher weiß, ob er überhaupt derselbe Mensch wie früher ist, trifft auf einen Jungen, der womöglich die Wiedergeburt seines eigenen Sohnes darstellt. Marvel verbindet damit seine übernatürlichen und technologischen Erzählstränge. Gleichzeitig könnte VisionQuest wichtige Voraussetzungen für spätere Geschichten rund um die jüngere Heldengeneration schaffen, ohne dass eine solche Entwicklung bereits feststehen muss.

Warum "VisionQuest" für Marvel eine Chance ist

Marvel hat in den vergangenen Jahren immer wieder versucht, sein Serienuniversum zu erweitern. Nicht jede Produktion konnte dabei überzeugen. Besonders dann, wenn eine Serie hauptsächlich dazu diente, Figuren für kommende Filme in Stellung zu bringen, blieb die eigentliche Geschichte gelegentlich auf der Strecke.

VisionQuest besitzt dagegen eine vergleichsweise klare erzählerische Ausgangslage. Es geht nicht um die Rettung des gesamten Multiversums, sondern zunächst um einen einzelnen Charakter, der herausfinden möchte, wer er ist. Themen wie künstliche Intelligenz, Erinnerung, Bewusstsein und familiäre Zugehörigkeit bieten dafür erheblich mehr Möglichkeiten als eine weitere gewöhnliche Superheldenmission.

Verantwortlich für die Serie ist Terry Matalas, der unter anderem an 12 Monkeys arbeitete und als Showrunner die dritte Staffel von Star Trek: Picard betreute. Gerade dessen Erfahrung mit Science-Fiction-Geschichten über Identität, Vergangenheit und persönliche Bindungen macht ihn zu einer interessanten Wahl. Ob VisionQuest dieses Potenzial tatsächlich ausschöpft, muss die Serie allerdings erst beweisen.

Ein Abschluss, der zugleich neue Türen öffnen könnte

VisionQuest bildet den Abschluss der Marvel-Trilogie, die 2021 mit WandaVision begann und 2024 durch Agatha All Along fortgesetzt wurde. Damit erhält eine Geschichte, die einst als ungewöhnliches Experiment innerhalb des MCU begann, nach fünf Jahren ein weiteres großes Kapitel.

Die achtteilige Serie startet am 14. Oktober 2026 bei Disney+ mit zwei Episoden. Weitere Doppelfolgen erscheinen am 21. und 28. Oktober, bevor die letzten beiden Episoden am 4. und 11. November veröffentlicht werden.

Entscheidend wird letztlich sein, ob Marvel den Mut besitzt, VisionQuest als eigenständige Science-Fiction-Geschichte funktionieren zu lassen. Denn die spannendste Frage lautet nicht, welcher Bösewicht als Nächstes auftaucht oder welcher Avenger einen Gastauftritt absolviert. Sie lautet, ob eine künstliche Intelligenz mehr sein kann als die Summe ihrer Programmierung.

Vielleicht liegt genau darin die Chance für eine der ungewöhnlichsten Marvel-Figuren überhaupt.