Bestenlisten gehören zum Filmjournalismus wie Diskussionen darüber, ob ein Klassiker tatsächlich so gut ist, wie sein Ruf. Sie können Orientierung bieten, vergessene oder weniger bekannte Filme wieder ins Gespräch bringen und sichtbar machen, welche Werke Kritiker*innen zu einem bestimmten Zeitpunkt besonders prägen. Gleichzeitig bleibt jede Rangliste zwangsläufig subjektiv: Welche Filme berücksichtigt werden und wie sie anschließend eingeordnet werden, hängt von persönlichen Vorlieben und vom jeweiligen Verständnis von Filmgeschichte ab.
Das gilt auch für die neue Liste des US-Magazins Rolling Stone. Die Redaktion hat ihre 100 besten Filme des 21. Jahrhunderts zusammengestellt und dabei Produktionen aus unterschiedlichen Ländern, Genres und filmischen Traditionen berücksichtigt. Besonders interessant wird eine solche Auswahl deshalb dort, wo sie vom eigenen Geschmack abweicht – und natürlich bei der Frage, welcher Film am Ende ganz oben steht.
Diese 10 Filme schaffen es auf die Spitzenplätze
10. Boyhood (2014) – Richard Linklaters über zwölf Jahre gedrehtes Coming-of-Age-Drama begleitet denselben Schauspieler beim Aufwachsen.
9. Mulholland Drive - Straße der Finsternis (2001) – David Lynchs surrealer Ausflug nach Los Angeles verbindet Hollywood-Traum, Identität und Albtraum.
8. Yi Yi (2000) – Edward Yang erzählt anhand einer Familie in Taipeh von Beziehungen, Krisen und den Veränderungen des Lebens.
7. Mad Max: Fury Road (2015) – George Millers atemlose Action-Achterbahnfahrt mit Tom Hardy und Charlize Theron sowie Nicholas Hoult gehört als einziger großer Blockbuster zu den Top 10.
6. 4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage (2007) – Drama von Cristian Mungiu über eine illegale Abtreibung im Rumänien der Ceaușescu-Zeit zählt zu den wichtigsten Filmen der rumänischen Neuen Welle.
5. Y Tu Mama Tambien - Lust for Life (2001) – Alfonso Cuarón verbindet einen Roadtrip zweier Jugendlicher mit einer Geschichte über Freundschaft, Sexualität und gesellschaftliche Spannungen.
4. Parasite (2019) – Bong Joon Hos Mischung aus Komödie, Thriller und Gesellschaftssatire schaffte als erster nicht-englischsprachiger Film den Oscar für den besten Film.
3. Moonlight (2016) – Barry Jenkins erzählt in drei Lebensabschnitten vom Erwachsenwerden eines jungen Schwarzen in Florida.
2. In The Mood For Love - Der Klang der Liebe (2000) – Wong Kar-Wais melancholisches Liebesdrama über zwei Nachbar*innen im Hongkong des Jahres 1962 setzt auf Atmosphäre und unausgesprochene Gefühle.
1. There Will Be Blood (2007) – Paul Thomas Andersons episches Drama über den skrupellosen Ölunternehmer Daniel Plainview landet an der Spitze der Rolling-Stone-Liste.
"There Will Be Blood" ist kein so überraschender Platz Eins
Auffällig ist zunächst die Mischung innerhalb der Top 10: Neben großen US-Produktionen finden sich mehrere internationale Arthouse-Filme. Mit There Will Be Blood auf Platz 1 setzt Rolling Stone zugleich auf einen Film, der sich hervorragend in den klassischen Kanon des ambitionierten US-Kinos einfügt. Paul Thomas Anderson verbindet darin ein historisches Epos über den Ölboom mit dem zerstörerischen Porträt des Geschäftsmanns Daniel Plainview, gespielt von Daniel Day-Lewis. Macht, Gier und der amerikanische Traum stehen im Mittelpunkt – Themen, die Rolling Stone als zentral für den Film hervorhebt.
Dass There Will Be Blood ganz oben steht, ist damit weniger eine überraschende Außenseiterwahl als ein deutliches Statement darüber, welche Qualitäten die Redaktion besonders hoch bewertet. Das 2007 erschienene Drama verbindet großes Kino mit einer kompromisslosen Autorenhandschrift, einer außergewöhnlichen Hauptdarstellung und Johnny Greenwoods ungewöhnlichem Score. Gleichzeitig ist der Film längst Teil der modernen Filmgeschichte und wird regelmäßig als eines der herausragenden Werke des 21. Jahrhunderts diskutiert. Ob er tatsächlich den Spitzenplatz verdient, lässt sich dagegen nicht objektiv beantworten – genau darin liegt letztlich auch der Reiz solcher Bestenlisten.