Die Oscar-Verleihung steht seit Jahren immer wieder im Mittelpunkt einer Debatte über ihre Bedeutung für die Filmbranche. Eine neue Regel der Academy sollte eigentlich für mehr Transparenz beim Abstimmungsprozess sorgen – doch hinter den Kulissen sorgt sie offenbar auch für Unmut unter einigen Mitgliedern.
Neue Abstimmungsregel sorgt für Diskussionen innerhalb der Academy
Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences verlangt inzwischen von ihren Mitgliedern, dass sie bestätigen, alle nominierten Filme einer Kategorie gesehen zu haben, bevor sie ihre Stimme abgeben (wir berichteten). Ziel der Maßnahme ist es, sicherzustellen, dass die Entscheidungen tatsächlich auf vollständiger Sichtung der nominierten Werke beruhen.
In der Praxis führt diese Vorgabe offenbar dazu, dass manche Stimmberechtigte ganz auf die Teilnahme verzichten. Laut Branchenberichten entscheiden sich einige langjährige Mitglieder bewusst dagegen abzustimmen, weil sie nicht genügend nominierte Filme gesehen haben und die verpflichtende Bestätigung nicht abgeben möchten.
Hinzu kommt, dass gelegentlich veröffentlichte anonyme Stimmzettel immer wieder zeigen, dass selbst erfahrene Branchenvertreter*innen nicht jede Kategorie vollständig verfolgen. Einige geben offen zu, bestimmte Bereiche auszulassen, weil ihnen mehrere nominierte Filme fehlen.
Anonymer Oscar-nominierter Regisseur übt scharfe Kritik
Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte nun eine E-Mail eines anonymen Regisseurs, der selbst bereits für einen Oscar nominiert war. Er wandte sich mit einer ausführlichen Nachricht an den Branchenjournalisten Pete Hammond und erklärte darin, dass er in diesem Jahr gar nicht abstimmen werde.
Der Filmemacher begründet dies unter anderem damit, dass er viele der nominierten Filme weder gesehen habe noch sehen wolle. Außerdem äußert er deutliche Zweifel an der langfristigen Bedeutung moderner Oscar-Favoriten. Seine vollständige Nachricht lautet:
„Hallo Pete, ich lese deine Artikel gern. Ich dachte, dich könnte die Sicht eines Academy-Mitglieds auf die diesjährigen Regeln interessieren. Ich habe nicht einmal die Hälfte der nominierten Filme gesehen und habe auch kein Interesse daran, das nachzuholen, weil meine Zeit viel zu wertvoll ist, um sie mit Filmen zu verbringen, von denen ich schon weiß, dass ich sie niemals wählen würde – geschweige denn, dass ich sie überhaupt bis zum Ende ansehen könnte. Die meisten der Filme, die ich gesehen habe, fand ich mittelmäßig, und nichts von dem, was ich selbst nominiert hatte, hat es auf die finale Liste geschafft. Da ich nicht lügen möchte, habe ich beschlossen, dieses Jahr einfach gar nicht abzustimmen. Ja, ich würde gern für ‚K-Pop Demon Hunters‘ stimmen, aber nicht um den Preis, vier andere Filme ansehen zu müssen, von denen ich schon weiß, dass sie nicht annähernd so gut sein werden. Aber ganz ehrlich: Die Oscars sind inzwischen ziemlich irrelevant geworden. ‚Anora‘? ‚CODA‘? ‚Everything Everywhere All At Once‘? Im Vergleich zu ‚The Godfather‘, ‚Lawrence of Arabia‘ oder ‚Patton‘? Welche drei dieser Filme werden die Leute in fünf Jahren noch sehen? Am Ende zählt der Film, nicht die Auszeichnung. Statt die Preisverleihung anzuschauen, sehe ich mir wahrscheinlich lieber ‚Singin’ In The Rain‘ oder ‚North By Northwest‘ oder ‚The Searchers‘ an – echte Best Pictures, die damals nicht einmal nominiert waren. Du kannst mich gern zitieren, aber bitte verwende meinen Namen nicht.“
Oscars kämpfen seit Jahren mit sinkender Aufmerksamkeit
Die Kritik des anonymen Filmemachers ist kein Einzelfall. Seit Jahren wird diskutiert, ob die Oscar-Verleihung noch denselben kulturellen Stellenwert besitzt wie früher. Während die Show einst ein globales TV-Ereignis war, sind die Einschaltquoten in den vergangenen Jahren deutlich gesunken.
Auch die Wahrnehmung der ausgezeichneten Filme hat sich verändert. Früher gehörten viele Gewinner des Preises für den besten Film zu den größten Kinohits des Jahres. Heute gewinnen häufiger kleinere Produktionen, die zwar von der Kritik gefeiert werden, aber ein deutlich schmaleres Publikum erreichen.
Ob sich diese Entwicklung langfristig auf die Bedeutung der Oscars auswirkt, bleibt abzuwarten. Verliehen werden die Preise jedenfalls bereits an diesem Sonntag. Neu ist in diesem Jahr eine zusätzliche Kategorie: Erstmals wird ein Oscar für das beste Casting vergeben. Durch den Abend führt erneut Moderator Conan O’Brien. Hier die Nominierten: