8.8

MB-Kritik

Sechswochenamt 2026

8.8

Magdalena Laubisch
Lola Klamroth
Suzanne Ziellenbach

Inhalt

Mit dem Tod ihrer Mutter reißt es LORE (25) den Boden unter den Füßen weg. Während ihr Inneres in einen nie dagewesen Ausnahmezustand fällt, gerät auch die Außenwelt aus den Fugen. Die Corona-Pandemie bricht aus, und ein Nebel aus Isolation und Einsamkeit legt sich über die rheinische Kleinstadt, in der die Menschen zu empathielosen Einzelkämpfern verkommen. Lore verliert den Glauben an das Miteinander. Inmitten dessen archiviert sie das Leben ihrer Mutter für immer und ringt nach Kräften, um einen Weg der gemeinsamen Verabschiedung zu finden. Dabei muss sie sich den unterschiedlichen Formen des Trauerns innerhalb der Familie und den wie Automatismen auf sie einprasselnden Konventionen stellen.

Kritik

Der Titel Jacqueline Jansens autobiographisch inspirierten Spielfilm-Debüts bezeichnet im katholischen Kirche eine sechs Wochen nach dem Todesfall gehaltene Seelenmesse, die das Ende der offiziellen Trauerzeit festsetzt. Der Zeitpunkt, ab dem die Hinterbliebenen alles erledigt und überwunden haben sollen und das gewohnte Leben weitergeht. Diese formalisierte und durchstrukturierte Abhandlung mit dem persönlichen Erlebnis eines menschlichen Verlusts erlebt auch die junge Protagonistin. Ihre Bewältigung der organisatorischen und psychischen Belastung bildet das unspektakuläre Zentrum einer nüchternen Studie marginalisierter Trauerprozesse. 

Der gesellschaftliche und private Raum, der Lore (überzeugend: Magdalena Laubisch) dafür bleibt verengen die ersten Restriktionen während der Corona-Pandemie noch weiter. Äußerer und innerer Ausnahmezustand überlagern und spiegeln einander in dem formale reduzierten Porträt emotionaler Starre. Nach dem Krebstod ihrer Mutter lassen die amtlichen und organisatorischen Verpflichtungen ihr keine Zeit für ein Verarbeiten ihres Schmerzes. Papierkram, Wohnungsauflösung, Trauerfeier und Beisetzung. Dafür will sie entsprechend des Wunschs ihrer Mutter unbedingt eine Seebestattung, zur Empörung der Großmutter (Gerta Gormanns).

Lores Schwester Sophie (Lola Klamroth) hingegen hält sich ganz raus und meidet den provinziellen Heimatort, in dem sich mit der Pandemie die Paranoia ausbreitet. Dennoch bleibt die Dramaturgie bewusst minimal, unterdrückt wie die Gefühle der Protagonistin. Sie manövriert opportunistische Nachbarn und egoistische Verwandte während der Tod im Medien-Echo beständig präsenter wird. Lores Verhältnis zur Verstorbenen bleibt dabei ebenso unbeachtet wie ihre Privilegien. Trauerfeier und ordentliche Beisetzung sind ein Luxus der Mittelklasse, deren Erleben und Etikette als universell erscheint.

Fazit

Blasse, kühle Bilder erfassen die zurückgenommene Zäsur in naturalistischen Settings, in denen sich Melodramatik nur indirekt zeigt. So allein und belastet, wie es die mitfühlende Inszenierung erscheinen lässt, ist die Hauptfigur keineswegs. So wird die fokussierte Betrachtung der Kollision von Bürokratie und psychischer Krise unbeabsichtigt auch zum Exposé bürgerlichen Selbstmitleids. Eine Auseinandersetzung mit den milieuspezifischen Mechanismen öffentlicher und privater Trauer bleibt indes ebenso aus wie psychologische Vertiefung. Analytisch bleibt das ambitionierte Kino-Debüt so karg wie auf stilistischer und visueller Ebene. 

Autor: Lida Bach
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