Inhalt
Eine verzweifelte Tochter, die sich um ihre todkranke Mutter kümmert, gerät in die Fänge von Kriminellen, die es auf heilige Artefakte abgesehen haben, und muss nun ihre familiären Pflichten mit gefährlichen Raubzügen in Einklang bringen.
Kritik
Die kuriose Prämisse Mikel Gurreas (Surro) kuriosen Krimi-Dramas scheint mit ihrer eigenwilligen Mischung zeitloser und zeitaktuelle Themen, absurder Komik sowie doppelbödigen Allegorik geradezu prädestiniert für ein US-Remake. Dann hoffentlich als Crime-Comedy, zu der die skurrile Story wesentlich besser geeignet wäre als zu dem tiefschürfenden Familiendrama, dass der spanische Regisseur und Drehbuchautor daraus machen will. So richtig Glücks dänische, trotz der überzeugenden Darstellung Victoria Luengos (Bitteres Fest) als Kleinkrimineller, die christliche Heilige und deren Statuen auf ihre eigene Weise verehrt. Bevor es dazu kommt, hat die pragmatische Protagonistin ein eher ablegendes Verhältnis zum Glauben.
Letztem ist ihre krebskranke Mutter (Ariadna Gil, She Walks in Darkness) an der Schwelle des Todes verfallen. Obwohl ihre Beziehung durch ungelöste Konflikte vorbelastet ist, reist Lali zu ihrer Mutter, um sie am Lebensende zu pflegen. Glorias plötzliche Frömmigkeit bringt Lali auf Umwegen in Kontakt mit der Diebesbande der ehemaligen Nonne Rosario (Eulàlia Ramon, The Baby's Room), die aus Kirchen und von Friedhöfen religiöse Artefakte entwendet und auf dem Schwarzmarkt weiterverkauft. Die ihre Handlanger*innen mit einer Mischung aus Fürsorge und Härte kontrollierende Hehlerin wird zur Ersatzmutter für Lali, in deren umgekehrte Elternrolle sich unbewusste Buße manifestiert.
Als weltliche Wahlfamilie fungiert der Zusammenhalt der Gauner-Clique als paradoxes Pendant zu Lalis kaputten Verwandtschaftsstrukturen. Der sich in teuren Riten äußernde Gläubigkeit erscheint als hohle Geste gegenüber Rosarios spiritueller Devotation. Erst Glorias nahender Tod verspricht Freiheit von familiären Verpflichtungen, deren erstickende Macht die räumliche Enge der Wohnung betont. Das Gefängnis sozialer Konventionen kontrastiert mit dem stützenden Gemeinschaftsgefüge der Diebesbande, deren Routine von Einbruch, Aneignung und Umverteilung einem eigenen Wertsystem und Sozialkodex folgt. So reizvoll diese kirchenkritischen Motive und die komplexe Symbolik in Julián Elizaldes ominösen Kameraaufnahmen, so ernüchternd ist die stagnative Dramatik.
Fazit
Der Titel Mikel Gurreas parabolischer Außenseiter-Story bezeichnet ebenso die religiösen Statuetten, mit deren Verkauf die (Anti)Heldin und ihre Kompliz*innen sich finanzieren, und Barcelonas gleichnamigen ehemaligen Arbeiterbezirk. Mit seiner schroffen Architektur, dem schroffen Sozialklima und heruntergekommenen Fassaden wird das Viertel psychischen Topographie der Protagonistin. Jener verleiht Luengo eine unter der rauen Schale verborgene Sensibilität, deren emotionale Widersprüche sich nie auflösen. Unfertig bleibt auch die Handlung, deren clevere Grundidee in episodischen Ellipsen versackt, ohne sich weiterzuentwickeln.