Inhalt
Nelson wuchs in New York auf, trat mit 18 Jahren den Marines bei, um der Armut zu entkommen, und diente 1966 in Vietnam. Traumatisiert wurde er obdachlos, bevor er sich in die Behandlung der Veteranenbehörde (VA) begab. Er widmete sein Leben dem Engagement gegen den Krieg und hielt mehr als 1.200 Vorträge in Japan.
Kritik
Wo der Krieg endet, beginnt Shinya Tsukamotos (Shadow of Fire) schonungsloses Porträt posttraumatischer Belastung, die den geplagten Protagonisten nach seinem militärischen Einsatz in Vietnam verfolgt. Basierend auf den autobiografischen Aufzeichnungen des afroamerikanischen Veteranen Allen Nelson begleitet die psychotherapeutische Chronik seinen langen Weg zu einem produktiven Umgang mit den Flashbacks und Panik-Attacken. Beide beherrschen im ersten Kapitel der sich auf zwei Zeitebenen und an drei lokalen Stationen entfaltenden Ereignisse seine ganze Existenz. Oder das, was davon noch übrig ist.
In den ersten Szenen haust der junge Nelson (Mark Merphy) unmittelbar nach seiner Zeit an der Front verwahrlost in einem Verschlag im Keller. Jedes laute Geräusch schreckt ihn aus seiner Benommenheit von den Angst-Anfällen, die ihm ein normales Leben nahezu unmöglich machen. Eine Zufallsbegegnung mit einer früheren Mitschülerin (Lily Franky, Made in Korea), die inzwischen selbst Lehrerin ist, wird zum rettenden Wendepunkt. Jedenfalls impliziert das die sprunghafte Handlung, deren zweites Kapitel Nelson in mittlerem Alter (Rodney Hicks, Rent: Filmed Live on Broadway) als Ehemann und Vater zeigt.
Gänzlich klar wird nie, ob das Sprechen vor ihrer Grundschulklasse ihm eine gewisse mentale Stabilität zurückgegeben hat. Doch es scheint so in dem unebenen Narrativ, das Reden, sowohl vor einem öffentlichen Publikum als auch privat mit seinem Psychologen (Geoffrey Rush, The Rule of Jenny Pen), als einzigen Weg zur Besserung präsentiert. Das Absolute dieser pädagogischen Message, die deutlich von Tsukamotos eigenem Besuch eines der über 1200 Vorträge Nelsons beeinflusst scheint, enthüllt die konstruktive Naivität und ätiologische Einseitigkeit der visuell demonstrativ rohen Inszenierung.
Vergangenheit und Gegenwart verzahnt die von Shinya Tsukamoto selbst geschriebene, gefilmte und geschnittene Komposition aus Biopic, Kriegsdrama und Psycho-Studie in nervösen Montagen. Die radikal subjektive Perspektive behandelt die Physis des Protagonisten als alptraumhaftes Archiv lebendiger Erinnerung. Körperlich ist Nelson dem Horror des Krieges, den er durch grausige Verbrechen vermehrte, entkommen. Mental jedoch bleibt er trotz der heilsamen Wirkung der Psychotherapie Gefangener seines Traumas. In dieser unmittelbaren Ästhetik bleiben systempolitische Faktoren wie Rassismus und Klassismus referentielle Randnotizen.
Fazit
Für erdrückende Schuld und seelischen Schmerz eine Sprache zu finden, auf visueller und verbaler Ebene, wird zur zentralen Herausforderung Shinya Tsukamotos von realen Begebenheiten inspirierten Trauma-Theorems. Dessen unentschlossenes Changieren zwischen dem Schwelgen in sensationalistischem Spektakel und theatralischem Familiendrama kann die widersprüchlichen inszenatorischen Impulse nicht zu eigenem stimmigen Gesamtwerk vereinen. Überzeugende Darstellungen, insbesondere von Merphy, Rush und Hicks, werden zum emotionalen Anker der obsessiven Observation einer geistigen Zerstörung, nicht minder verheerend und verstörend als die physische Auslöschung, der sie entspringt.