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"Yoshi and the Mysterious Book" - Videospiel - Test / Review

von Thomas Repenning

Es gibt Figuren im Nintendo-Kosmos, die über Jahrzehnte hinweg erstaunlich konstant geblieben sind. Mario rettet Prinzessinnen, Link zieht gegen das Böse ins Feld und Samus erkundet einsame Planeten. Und dann gibt es Yoshi. Der kleine grüne Dino war schon immer der Sonderling der Familie. Während andere Nintendo-Helden ihre Reihen über Jahre verfeinerten, durfte Yoshi regelmäßig mit den verrücktesten Ideen experimentieren. Mal bestand seine Welt aus Garn und Stoff, mal aus Pappe und Bastelmaterialien. Und wer damals auf dem Super Nintendo zum ersten Mal Yoshi's Island spielte, erinnert sich vermutlich noch heute daran, wie ungewöhnlich und kreativ dieses Abenteuer wirkte. Fast dreißig Jahre später beweist Nintendo erneut, dass Yoshi nach wie vor die experimentierfreudigste Figur des gesamten Mario-Universums ist.

Denn Yoshi and the Mysterious Book ist vieles, aber sicher nicht das klassische Jump'n'Run, das der erste Blick auf Trailer und Screenshots vermuten ließ.

Die Ausgangssituation klingt zunächst vertraut. Bowser Jr. stößt auf ein geheimnisvolles Buch und glaubt darin Hinweise auf ein besonderes Wesen entdeckt zu haben. Seine Suche endet allerdings schneller als geplant, als er mitsamt seiner Clownkutsche in die Seiten des Buches gezogen wird. Kurz darauf landet die merkwürdige Enzyklopädie auf der Insel der Yoshis, wo sie sich als Enzo vorstellt – ein lebendiges Nachschlagewerk voller unvollständiger Informationen. Um seine Seiten zu vervollständigen, braucht Enzo Hilfe. Also macht sich ein Yoshi der eigenen Farbwahl auf den Weg, die Geheimnisse des Buches zu erforschen.

Was folgt, ist eines der ungewöhnlichsten Nintendo-Spiele der letzten Jahre

Wer einen klassischen Plattformer erwartet, wird bereits nach wenigen Minuten feststellen, dass Nintendo hier andere Prioritäten setzt. Zwar beherrscht Yoshi weiterhin sämtliche bekannten Fähigkeiten. Er flattert über Abgründe, verschluckt Gegner, verwandelt sie in Eier und stampft Hindernisse in den Boden. Doch all diese Werkzeuge dienen diesmal einem anderen Zweck. Nicht das Erreichen einer Ziellinie steht im Mittelpunkt, sondern die Freude am Entdecken.

Die eigentlichen Stars des Spiels sind die Kreaturen, die auf den Seiten von Enzos Buch leben. Mit einer Lupe spürt man sie zunächst in den Illustrationen der Enzyklopädie auf, bevor sich daraus neue Level und Lebensräume eröffnen. Jede dieser Kreaturen besitzt eigene Eigenschaften, Verhaltensweisen und Wechselwirkungen mit ihrer Umgebung. Manche helfen beim Fliegen, andere verändern ihre Fähigkeiten durch Nahrung, wieder andere öffnen versteckte Wege oder lösen kleine Kettenreaktionen aus.

Das Geniale daran ist, dass Yoshi and the Mysterious Book den Spieler nie dazu zwingt, diese Möglichkeiten sofort zu verstehen. Stattdessen entwickelt sich ein fast kindlicher Forscherdrang. Was passiert, wenn ich dieses Wesen werfe? Wie reagiert es auf eine Stampfattacke? Was geschieht, wenn zwei Kreaturen miteinander in Kontakt kommen? Kann ich mit diesem Objekt vielleicht doch noch eine Stelle erreichen, die zuvor unerreichbar schien?

Es ist ein Spiel, das Neugier belohnt

Immer wieder glaubt man als Spieler, ein Gebiet vollständig erforscht zu haben, nur um später festzustellen, dass irgendwo doch noch eine Interaktion verborgen war. Vielleicht eine Frucht, die einem Tier eine neue Eigenschaft verleiht. Vielleicht ein bislang übersehener Weg. Vielleicht eine Reaktion, die erst durch das Zusammenspiel mehrerer Wesen ausgelöst wird. Die Level werden dadurch zu riesigen Experimentierkästen, in denen jede neue Entdeckung weitere Möglichkeiten eröffnet.

Gerade hierin liegt die größte Stärke des Spiels. Die Herausforderung entsteht nicht durch Präzisionssprünge oder schwierige Gegner. Tatsächlich kann Yoshi diesmal keinen klassischen Schaden erleiden. Selbst Abstürze bedeuten lediglich einen kurzen Rücksetzer. Das klingt zunächst nach einer fragwürdigen Designentscheidung, funktioniert indes erstaunlich gut. Denn der Fokus verschiebt sich vollständig auf das Beobachten, Ausprobieren und Verstehen der Spielwelt.

Je länger man spielt, desto deutlicher wird, wie durchdacht dieser Ansatz umgesetzt wurde. Enzo dokumentiert sämtliche Entdeckungen in seinen Seiten, die sich nach und nach mit handschriftlichen Notizen, Zeichnungen und Beobachtungen füllen. Das Spiel verwandelt den Fortschritt selbst in eine Art Sammelalbum des eigenen Forscherdrangs.

Dazu gesellen sich weitere Motivationsebenen. Überall warten Grinseblumen, Glyphen und zusätzliche Geheimnisse. Für neue Erkenntnisse erhält man Sterne, die wiederum weitere Kapitel des Buches freischalten. Die Struktur erzeugt einen konstanten Kreislauf aus Entdecken, Dokumentieren und Freischalten, der überraschend lange trägt.

Besonders bemerkenswert ist dabei der Umfang. Auf den ersten Blick wirkt Yoshi and the Mysterious Book wie ein kleines, gemütliches Abenteuer. Tatsächlich steckt jedoch deutlich mehr darin, als man zunächst vermutet. Neue Gebiete, zusätzliche Kreaturen, optionale Herausforderungen und ein umfangreiches Endgame sorgen dafür, dass selbst nach vielen Stunden längst nicht alles entdeckt wurde.

Indes verliert das Spiel dabei nie seinen entspannten Charakter. Es gibt keine Hektik, keinen Druck und kaum Frustmomente. Stattdessen entsteht eine fast meditative Atmosphäre, die perfekt zur Grundidee passt. Das Erkunden der Buchseiten fühlt sich oft an wie ein Spaziergang durch ein interaktives Bilderbuch. Genau hier werden sich auch die Geister scheiden: Die einen wollen ein schönes und spaßiges Cozy Game, die anderen lieber eine Herausforderung. Letztere werden definitiv enttäuscht werden. 

Auch optisch geht Nintendo einen eigenen Weg. Die Welten wirken wie mit Wasserfarben gemalt. Figuren und Umgebungen verschmelzen mit den Seiten des Buches, während Schriftzeichen und Illustrationen subtil in die Gestaltung integriert werden. Vielleicht fehlt es stellenweise etwas an visueller Abwechslung, doch das Gesamtbild bleibt konsequent und stimmungsvoll. Unterstützt wird das Ganze von einer unaufdringlichen Präsentation, die nie versucht, sich in den Vordergrund zu drängen.

Interessanterweise passt genau das hervorragend zu einem Spiel, das seine größten Stärken ohnehin nicht in spektakulären Momenten sucht. Yoshi and the Mysterious Book lebt von kleinen Überraschungen. Von diesem einen Geheimnis, das man doch noch entdeckt. Von einer Kreatur, deren Verhalten völlig anders ausfällt als erwartet. Von dem Gefühl, eine weitere Seite in Enzos Enzyklopädie vervollständigt zu haben. Vielleicht ist genau das die größte Leistung dieses Spiels. Es erinnert daran, dass Entdecken an sich bereits Spaß machen kann.

Fazit

Yoshi and the Mysterious Book ist kein klassischer Plattformer, sondern vielmehr ein liebevoll gestaltetes Entdecker-Abenteuer mit Jump'n'Run-DNA. Nintendo nutzt Yoshi erneut als Experimentierfeld für ungewöhnliche Ideen und landet dabei einen Volltreffer. Die kreative Spielstruktur, das brillante Leveldesign und der stetige Reiz neuer Entdeckungen machen aus dem Abenteuer eine der angenehmsten Überraschungen des Jahres. Wer sich auf das entschleunigte Tempo einlässt, findet hier eines der charmantesten Nintendo-Spiele der letzten Jahre.

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