Bildnachweis: Fahrstuhl zum Schafott I © StudioCanal

Louis Malle Edition - Box Kritik

von Magnus Knoll

Der französische Regisseur Louis Malle (1932-1995) gehört ohne jeden Zweifel zu den wichtigsten Vertretern der Nouvelle Vague, auch wenn er als gelernter Kameramann und Dokumentarfilmer eigentlich ein Außenseiter in der französischen Filmbewegung der 50er und 60er Jahre war. Dennoch drehte er nicht wenige zeitlose Klassiker, die nun von StudioCanal erstmals auf BluRay in einer Box veröffentlicht wurden. 

Auf fünf Discs (die fünfte Scheibe mit ausschließlichem Bonusmaterial lag bei dieser Besprechnung nicht vor) werden vier seiner Filme vorgestellt. Dabei ist jeder Film eine BluRay Erstveröffentlichung und auch nicht einzeln im Handel erhältlich.
Im Folgenden werden wir die einzelnen Filme der BluRay Box kurz inhaltlich und kritisch besprechen. Zu manchen Filmen gint es auch eine umfassende Besprechungen auf der jeweiligen Seite des Films.


Fahrstuhl zum Schafott (1958)

Inhalt:

Der perfekte Mord: Julien erschießt den Ehemann seiner Geliebten Florence und lässt die Tat wie einen Selbstmord aussehen. Doch er hat etwas vergessen, was ihn verraten könnte. Als er den Fahrstuhl betritt, stellt der Concièrge den Strom ab. Julien sitzt über Nacht gefangen im Fahrstuhl.

Kritik:

Die Mischung aus französischem Charme und Krimi/Film Noir Elementen wird zusätzlich mit den verschiedensten Versatzstücken angereichert und dennoch gelingt es Malle meisterlich ein stimmiges Kollektiv daraus zu formen. Da wären beispielsweise die musikalische Untermalung durch einen jazzlastigen Miles Davis, ein stellenweise voyeuristisch inszenierter Handlungsverlauf und der Kontrast zwischen teils fast schon dokumentarisch realistisch aufgebauten Szenen und den expressiven Genreelementen. Ein durchaus gewagtes Durcheinander, das im fertigen Film jedoch ausgezeichnet harmoniert. Final erweist sich Fahrstuhl zum Schafott deshalb als so gelungen, weil er seine aufgebauten Konflikte konsequent beendet. Auf jede Aktion muss eine Reaktion folgen und so bleibt der Film trotz des zuvor vermittelten Lebensgefühls und seiner konstruierten Geschichte ein herzlich bodenständiger Vertreter. Letztlich obsiegt die Moral und Vernunft, jede Figur muss für seine Fehler bezahlen.


Die Liebenden (1958)

Inhalt:
Jeanne (Jeanne Moreau) langweilt sich. Ist ihr Leben doch eigentlich sorgenfrei, distanziert sich ihr Mann, ein erfolgreicher und vielbeschäftiger Verleger, aber zusehends von ihr. Ablenkung sucht sie in der Pariser High-Society, doch hier sind, wie es
sich nach und nach zeigt, scheinbar gutbetuchten, aber seelenlose Marionetten ihres Besitzes unterwegs. Ihr Leben ändert sich abrupt, als sie den mittellosen Studeten Bernard kennen und lieben lernt.

Kritik:

SKANDAL! Das etwas inflationär verwendete Wort des Skandalfilms trifft auf Die Liebenden voll und ganz zu. Im Zentrum des Films, nachdem die Charaktere und ihr soziales Umfeld charakterisiert wurden, steht eine ausufernde Liebesszene, bei der man natürlich wenig sieht, die für die Verhältnisse der späten 50er Jahre aber neue Maßstäbe setzte und international für Trubel sorgte. Doch man wird dem Film nicht gerecht, ihn nur auf eine Sequenz zu reduzieren. Die Liebenden ist ein Stück französische Filmgeschichte und im Schaffenswerk des Louis Malle mit Sicherheit eine der herausragendsten Werke. Dabei geht der Regisseur ein Stück weit sogar recht subversiv vor und hält der Oberklasse des Nachkriegsfrankreichs unverholen den Spiegel vor das puppenhafte gesicht.


Zazie (1960)

Inhalt:

Die zehnjährige Zazie kommt zu ihrem Onkel nach Paris, damit ihre Mutter zwei Tage alleine mit ihrem Geliebten verbringen kann. Die freche Göre bringt alsbald nicht nur Onkel und Tante, sondern auch halb Paris in Aufruhr. Ihr sehnlichster Wunsch ist es, mit der Metro zu fahren, doch die steht wegen eines Streiks still.

Kritik:

Der Film Zazie von Louis Malle basiert auf einem 1959 erschienenen Roman gleichen Namens, der sich vor allem durch seinen Wortwitz, Slapstick und absurden Humor auszeichnet. Malle war es ein Anliegen und scheinbar auch ein leichtes, diesen Stil in das Medium des Films zu übersetzen. Ohne den Roman gelesen zu haben und ohne zu wissen, was einen hier erwartet, wird man zunächst etwas vor den Kopf gestoßen sein. Doch alsbald soll sich die Verwirrung verflüchtigen und so Platz schaffen für die immensen Sympathien, die dieser Film generieren kann. Damals zwar kein großer Erfolg bei Kritik und Publikum, konnte Malle schon damals bekannte Größen als Fans für sich gewinnen. Charlie Chaplin und Francois Truffaut zum Beispiel, um die wohl namhaftesten zu nennen. Malles Werk zeichnet sich durch albernen Humor und geistreiche (oder entgeisterte) Absurditäten aus; dabei wird der Zuschauer langsam an diesen Witz herangeführt und dann immer tiefer in einen Strudel gerissen. Der Zuschauer macht dabei eine Entwicklung mit, wird immer offener für die zahlreichen Einfälle des Regisseurs und entwickelt sich in der Hinsicht ebenso wie die Hauptfigur Zazie. Sie wird älter, das Publikum auch. Das Leben um Zazie herum hat scheinbar andere physikalische Gesetze. Alle anderen Menschen scheinen sich teils ruckartig zu bewegen, während Zazie durch Ort und Zeit gleitet. Malle lotet hier narrative Grenzen aus, spielt mit Montage und Zeit und erstellt so ein expressionistisches Konstrukt um Zazie Leben herum - das ist sicherlich ein Vorbild für spätere französische Filme wie Die fabelhafte Welt der Amelie. Zazie ist im besten Sinne gestört, aufgeregt, verrückt, einzigartig. Großartiger Humbug vermengt mit einem zutiefst berührendem Verständnis für das Kind im Zentrum des Geschehens. Ein Zentrum, das seltsamerweise überaus ruhig durch den Film wandelt, während um es herum die Welt durch die Erwachsenen immer wieder in Chaos versinkt. Die Nouvelle Vague auf einem ihrer zahlreichen stilistischen Höhepunkte.

Das Irrlicht (1963)

Inhalt:

Der 30-jährige Alain Leroy wird aus einer Privatklinik für Alkoholkranke entlassen. Seine Frau ist in New York und so trifft er in Paris alte Freunde wieder. Enttäuscht stellt er fest, dass sie alle ihre Überzeugungen verraten haben: Sie sind selbstgefällig und bourgeois oder flüchten sich in Zynismus oder pseudointellektuelles Gehabe.

Kritik:

In ohrenbetäubender Stille läuft der Vorspann über das Bild. Weiße Schrift, schwarzer Hintergrund. Louis Malle weiß ganz genau, wie er den Zuschauer in Sekundenschnelle dorthin bringen kann, wo er ihn braucht. In aller Seelenruhe wird der Zuschauer dann Zeuge, wie Alain mit einer Frau, „die nicht zu fassen ist“ im Bett liegt und zärtliche Momente durchlebt. Doch genießt er sie auch? Wahrscheinlich gewissermaßen vielleicht. Der eben zitierte Ausdruck ist das Kernstück und Schlüssel, um die Figur des Alain zu verstehen. Er hat das Gefühl, losgelöst von der Welt zu sein, kein Teil mehr von ihr zu sein - viel schlimmer ist aber wohl, dass er das alles nicht zu vermissen scheint. Die zärtlichen Vorgänge geschehen derart ruhig und leidenschaftslos, viel eher aber nachdenklich, dass die schließlich einsetzende Klaviermusik, die sich durch den ganzen Film zieht, einen poetischen Rahmen um die Szene legt, der die Tragik des Inhaltes exponentiell steigert. Malle nutzt hier einmal mehr sein geniales Gespür für Bildgestaltung und findet in der Hinsicht gar zu neuen Höhen. Die Inszenierung ist weitaus weniger hyperaktiv und reißerisch und nicht so komödiantisch aufgeladen wie noch in Zazie. Dieser Film ist sehr still. So still, dass er beinahe wirkt wie einer dieser seltsamen Traumzustände, in denen der Mensch sich manchmal verlieren kann. Wenn die Welt vor den offenen Augen unscharf wird und alle Töne zu einem dumpfen Rauschen werden. Malle inszeniert Alain vor allem anfangs immer wieder mittels Spiegeln. So ist Alain mehrmals zwei-, dreimal im Bild; er hat keine klar definierte Position, er ist zerrissen. Natürlich ist Das Irrlicht ein ungemein tragischer und trauriger Film, schließlich geht es um die letzten Lebensversuche des alkoholkranken Alain. Er fasst den Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen und begibt sich auf eine letzte Reise zu Freunden und Bekannten. Vielleicht, um Argumente zu sammeln, doch am Leben zu bleiben. Alain sucht Offenbarung und einen letzten Funken für ein letztes Argument. Er gibt der Menschheit quasi eine letzte Chance ihn zu überzeugen. Das Leben ist schön. Nur wo, das müssen manche Menschen erst noch herausfinden.


Verhängnis (OT: Damage) (1992)

Inhalt: 

Dr. Stephen Fleming (Jeremy Irons) hat eigentlich, was sich ein Mann wünschen kann. Eine intakte Familie und Erfolg im Beruf zeichnen sein finanziell unabhängiges Leben aus. Sein Leben ändert sich, als er die neue Freundin Anna (Juliette Binoche) seines Sohns (Rupert Graves) kennenlernt und mit ihr eine wilde Affäre beginnt, die natürlich nicht ohne Folgen bleibt.

Kritik:

"Damaged People are dangerous. They know, they can surivive." Anna  ist ein beschädigter Mensch. Ihr Bruder brachte sich aus Liebe zu ihr um,  er konnte ihr Erwachsenwerden nicht ertragen. Zeitlich gesehen fällt der Film in dieser Box aus dem Rahmen, liegen doch zwischen ihm und Irrlicht (1963) fast 30 Jahre. Inhaltlich jedoch ist der vielfach nominierte und ausgezeichnete Film eine Höhepunkt des Späwerks Malles, der wenige Jahre später starb. Die Geschichte einer Affäre, gezeichnet durch die erotischen Fantasien des Mannes und der bedingungslosen Hingabe der Frau, bebildert wie nebenbei die Lethargie und Tristesse des Alltags, der die Charaktere zu entfliehen versuchen, letztendlich aber auf dem Boden der Wahrheit nach einem tiefen Fall aufschlagen müssen. Es ist nicht unbedingt die Geschichte der sexuellen Fantasien der Bessergestellten, die den besonderen Reiz der Literaturverfilmung ausmacht. Vielmehr ist es das Schauspielensemble, die Chemie zwischen Binoche und Irons, die elektrisierend wirkt. Die schweigsame Binoche vermag es, nur mit Blicken in den Bann zu ziehen. Malle lässt sich, trotz der ausufernden Sexszenen, nie zum Voyeurismus hinreißen. Vielmehr schauen mir dem Voyeuristen bei seiner Tätigkeit zu, wie er seinen Sohn, sein eigen Fleisch und Blut, um seine Jugend und Glück beneidet. Ein Film, wie ein Vekehrsunfall, von dem man die Augen nicht nehmen kann.


Fazit:

Mit der Louis Malle-Edition liefert StudioCanal eine sehr gelungene Veröffentlichung ab, die dem Werk des Regisseurs angemessen ist. Die Blu-Rays bieten ausreichend Bonusmaterial, die Filme sind in einer hochwertigen Qualität. Die Box bietet einen gelungenen Einstieg für jeden, der sich mit dem Leben und Schaffen Malles auseinandersetzen will. Fünf Klassiker des europäischen Kinos, an denen kein Fan der Nouvelle Vogue und des Autorenkinos vorbei kommt.


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