6.0

MB-Kritik

Daguerreotype 2016

Horror, Romance, Drama, Fantasy

6.0

Inhalt

Der Lebenskünstler Jean heuert als Assistent bei dem Pariser Fotografen Stéphane an. Dieser lebt nach dem Tod seiner Frau sehr zurückgezogen und spezialisiert sich auf das fotografische Verfahren der Daguerreotypie – mit seiner Tochter Marie als bevorzugtem Motiv. Als Marie mit Jeans Hilfe ihrer pervertierten Umgebung und der Kontrolle des Vaters entfliehen will, melden sich Geister der Vergangenheit.

Kritik

Als Daguerreotypie bezeichnete man im 19. Jahrhundert ein erfolgreiches Fotographie-Verfahren, in dem der Fotograf dem Kunden Unikatphotographien auf Silberplatten bot. Doch für eine perfekte Fotografie durfte sich das Modell, je nach größe des Bildes, einen gewissen Zeitraum über nur so wenig wie möglich bewegen, was  dazu führte, spezielle Apparaturen herzustellen, die die Modelle fixierten.  Perfekte Ausgangslage für ein Schauermärchen also. Wenn man dann noch Gruselregisseur Kiyoshi Kurosawa (Pulse) mit in den Pott wirft, werden Gruselfans nicht umsonst hellhörig. Dieser hat sich in seiner ersten europäischen Produktion nämlich genau diesem Thema angenommen. 

Doch die Trailer und Inhaltsangaben zu Daguerreotype könnte man schon fast als Mogelpackungen bezeichnen. Die angekündigte Schauergeschichte ist dieser nämlich nicht. Viel eher erzählt Kurosawa hier von Obsession, Gier und Verlust in den vier Wänden einer französischen Vater-Tochter-Beziehung und setzt den Fokus seines Narrativs somit mehr auf die dramatischen Konflikte als auf großangelegten Grusel. Die Geister, die in Daguerreotype mit von der Partie sind, kommen über die Geister der Vergangenheit somit nie wirklich hinaus. Doch das soll kein notwendiger Kritikpunkt an diesem Film sein. Ganz im Gegenteil gibt es im neusten Kurosawa wieder eine Menge zu loben. Und das hängt primär mit dem Japaner selbst zusammen. 

Daguerreotype ist ein wunderschön fotographierter Film. Kurosawas langsame Kamerafahrten, sein präzises Auge für poetische Einstellungen und die inszenatorische Ruhe, mit der der Regisseur an sein Thema herangeht, kann man zweifellos als meisterhaft beschreiben. Daguerreotype avanciert auf inszenatorischer Ebene problemlos zu Kurosawas bisher bestem Werk und knüpft an die audiovisuellen Stärken an, die letztes Jahr schon Creepy auszeichneten. Auch darstellerisch ist der Film äußerst gut gelungen. Olivier Gourmet (Monsieur Chocolat) bringt seinen nihilistischen Künstler brachial genug herüber, Constance Rousseau (Alles was kommt) brilliert vor allem aufgrund ihrer einprägsamen Mimik und Tahar Rahim (Ein Prophet) trägt die schwierige, emotional zerrissene Rolle des Jean mit bravour. 

Dass Daguerreotype am Ende leider trotzdem nicht auf ganzer Linie überzeugen kann, ist dem Narrativ des Films geschuldet. Zwar ist es erneut äußerst lobenswert wie viel Zeit sich Kurosawa bei der Basis seiner Geschichte nimmt, wie ausführlich er die Figuren und das Setting vorstellt und mit wie viel Ruhe er die Story in allen Facetten ihren Lauf nehmen lässt. Dennoch hätte dem Film eine Kürzung von mindestens zwanzig Minuten gut getan. Zu durchschaubar ist der Plot, zu selten die echten Höhepunkte. Daguerreotype wird seinem gelungenem Set-Up und seiner unangenehmen Atmosphäre im Endeffekt leider niemals gerecht, wodurch sich vor allem in der zweiten Hälfte des Film immense Längen in das Ganze einschleichen und nachhaltig am Filmerlebnis rütteln. Denn so schön dieser Film auch aussieht, so gut er gespielt ist, einen bleibenden Eindruck kann er am Ende leider doch nicht hinterlassen. Und sei das noch nicht genug, kommt erschwerend hinzu, dass der Film, wenn er denn dann mal gruselig sein möchte, kein Haar beim Zuschauer aufstellen kann.

Fazit

Kiyoshi Kurosawa ("Creepy") überträgt seinen einzigartigen, ruhigen Stil gelungen auf seine erste europäische Großproduktion und erreicht gerade in inszenatorischer Hinsicht Meisterklasse. “Daguerreotype” ist ein wunderschön fotografiertes, stark gespieltes Schauerdrama, das Kurosawa auch für den internationalen Markt nachhaltig empfiehlt. Nur die Geschichte des Films vermag es, trotz einer lobenswert ruhigen Erzählweise, nicht die ausschweifenden 131 Minuten des Films zufriedenstellend zu füllen, was bedauernswerterweise zu jeder Menge Leerlauf führt.

Autor: Thomas Söcker
Diese Seite verwendet Cookies. Akzeptieren.