8.2

MB-Kritik

Full Metal Jacket 1987

Drama, War

8.2

Matthew Modine
Adam Baldwin
Vincent D'Onofrio
R. Lee Ermey
Dorian Harewood
Kevyn Major Howard
Arliss Howard
Ed O'Ross
John Terry
Kieron Jecchinis
Kirk Taylor
Tim Colceri
Jon Stafford
Bruce Boa
Ian Tyler
Sal Lopez

Inhalt

South Carolina 1967. Im Camp von Parrish Island werden Joker und seine Kameraden auf traditionell brutale Art zu Marines gedrillt. Der Ausbilder bezahlt seine Profiarbeit mit dem Leben: Leonard, sein Lieblingsopfer, erschiesst den Schinder, bevor er sich selbst tötet. - An der Dschungelfront in Vietnam, nach der Tet-Offensive, geraten Joker - der inzwischen als Journalist Heldenberichte für die Soldatenzeitung "Stars & Stripes" schreibt - und seine Kameraden in den Hinterhalt eines Heckenschützen. Die scheinbar einfache Wiedereroberung Hues gerät zum verlustreichen Desaster. Der Scharfschütze, ein Vietcong-Mädchen, wird von den Soldaten getötet. Und der Wahnsinn geht weiter...

Kritik

Bevor sich Stanley Kubrick dem Vietnamkrieg mit „Full Metal Jacket“ im Jahre 1987 angenommen hatte, dachte man, Regisseure wie Michael Cimino („Die durch die Hölle gehen“), Oliver Stone („Platoon“) und ganz besonders Francis Ford Coppola („Apocalypse Now“) hätten kinematographisch bereits alles zu dem diffizilen Thema dargeboten, was darzubieten ist; was unter diesem Themenspektrum irgendwie zum Diskurs stehen könnte. Diese Annahme aber muss sich in eindrücklicher Vehemenz falsifizieren lassen, egal welch filmhistorische Relevanz all diese Werke zweifelsohne mit sich bringen. Stanley Kubrick, unzweifelhaft ein Genius, wie ihn die Filmlandschaft nur einmal zu Gesicht bekommen hat, versuchte sich an einem neuen Weg, dem Zuschauer Vietnam in all seiner Abscheu erfahrbar zu machen; eine Perspektive, die es unweigerlich ermöglicht, das Grauen des Krieges direkt ins Herz des Rezipienten zu transferieren, um seinen Blick auf die Dinge nachhaltig zu verändern. Und wie Kubrick dieses Vorhaben vollbrachte, wie er es in die Tat umsetzte, zollt von einer ungemeinen reflektorischen Intelligenz.

Schon zweimal zuvor hat sich Stanley Kubrick mit „Wege zum Ruhm“ und „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ der Bestie Krieg respektive dem dahinter verborgenen Militärapparat angenommen. Die Erkenntnis, die Kubrick dem Zuschauer mit auf die Reise gab, bündelte sich – salopp und erschreckend simpel formuliert – in schierer Absurdität. Krieg ist blanker Irrsinn und ein ausgehöhltes Unterfangen dumpfer Banalität. „Full Metal Jacket“ setzt an dieses Postulat an, teilt seinen Film dramaturgisch allerdings in zwei klare Segmente: Die Ausbildung auf Parris Island und die Schlacht um Huế. Oftmals wird dieser Dichotomie eine offensichtliche Antiklimax attestiert, die Ausbildung wäre das einzig Interessante, was „Full Metal Jacket“ zu bieten hätte – alles, was in Vietnam vonstatten geht, kenne man schon aus anderen, aus weitaus besseren Filme. Daneben. Wir kennen Vietnam natürlich aus anderen, nach verschiedenster Couleur justierten Werken, allerdings ist die inhaltliche Herleitung samt Konnotation, die Präsentation dieser fremden Welt, noch nie so aufgetreten, wie sie Stanley Kubrick mit „Full Metal Jacket“ offenbarte.

Die Ausbildung befolgt ein einfaches Ziel: Gunnery Sergeant Hartman (gespielt von einem R. Lee Ermey, der selbst fast zwanzig Jahre im Dienste der Marines als Drill Sergeant tätig war) soll die neuen Rekruten in ihrer Individualität ersticken und von ihrer Menschlichkeit entzweien, um sie zu rasenden Kampfschienen umfunktionieren zu können. Die Instrumente für dieses Vorhaben heißen Demütigung, Demütigung und nochmals Demütigung. Das beginnt schon mit dem Opening: Eine Gruppe Soldaten sitzt beim Friseur, auf der Tonspur Johnny Wrights „Hello Vietnam“, und gemeinschaftlich wird ihnen die Wolle vom Kopf geschoren. Sie sollen in die Muster gleichförmigen Killerrobotern gepresst werden, ohne Gewissen, dafür mit effektiver Codierung. Zwei der Rekruten aber müssen sich von ihrem mit brüskierenden Tiraden permanent um sich werfenden Entwickler als 'Fehlprogrammiert' titulieren lassen: Private Paula (Vincent D'Onofrio), der zur Maschine mit verrückter Mimik heranwächst, aber zu früh zündet, und Private Joker (Matthew Modine), der immer noch schlichtweg zu viel nachdenkt.

Für ihn gibt es nur ein Refugium, um Vietnam zu überdauern: Den Zynismus. Joker weiß, dass kein Ideal das Betätigen des Abzugs rechtfertigt, denn sein Glaube an Gott ist nicht existent und von einem echten Patriotismus hat er nie etwas zu sehen bekommen, was spätestens dann deutlich wird, wenn Ausbilder Hartman Lee Harvey Oswald nicht ohne Stolz als Marine kennzeichnet, um seine gehorsam Unterlegenen darauf einzustimmen, dass auch sie bald in der Lage dazu sein werden, einen ähnlichen Schuss abzugeben, wie er einst auf John F. Kennedy. Joker begegnet dem Krieg, dem Militär mit beißendem Galgenhumor, er entlarvt die Idiotie des gesamten Vereins und nun folgt der Kniff, mit dem sich Stanley Kubrick in den Zuschauer bohrt und Vietnam über die Leinwände hinaus portiert: Über die Popkultur. Immerzu werden Oldies eingespielt, die sich unlängst tief in unser Alltagsbewusstsein gefräst haben: „Wooly Bully“ von Sam the Sham & the Pharaohs, „These Boots Are Made for Walkin'“ von Nincy Sinatra, „Surfin' Bird“ von The Trashmen und nicht zuletzt „Paint It, Black“ von den Rolling Stones.

Stanley Kubrick benutzt diese Songs von Weltruhm, drückt sie in einen neuen Kontext und führt sie gleichermaßen ad absurdum. Gewalt ist hier nicht nur mit der Sexualität des Mannes verbunden, der zu Ausbildungszeiten in tumben Choreographien dazu gezwungen wird, mit der Waffe ins Bett zu steigen; sie dringt ebenso in heimische Befindlichkeiten vor, pervertiert und destruiert sie. Nicht umsonst bekommt auch ein Bugs Bunny Plüschtier seinen symbolischen Platz im Geschehen – mit verheerenden Konsequenzen. „Full Metal Jacket“ macht es ganz deutlich: Die Ordnung der Rituale auf Parris Island trägt in Vietnam keine Früchte, hier gibt es nur Chaos, einen derangierten Industriekomplex, wie man ihn auch aus der eigenen Stadt kennen könnte, doch so fern von allem Vertrauten, das kein Stoßgebet gen Allmächtigen, kein Vaterlandsalut noch von Bedeutung sein können, irgendwann von Bedeutung gewesen wäre. Vietnam bietet dir keine Plattform zur Selbstinszenierung, der Zuschauer zeigt sich irgendwann überdrüssig ob all des hohlen Geschwafels, Krieg ist vor allem eine Sache: Das elende Verrecken im Dreck für eine von Werten befreite und mit löchriger Motivation ausgestattete Institution.

Fazit

Um es kurz zu machen: Wer sagt, dass es nach „Apocalypse Now“ keinen relevanten Kriegsfilm mehr gegeben hat, hat „Full Metal Jacket“ nicht gesehen – oder ihn schlichtweg nicht verstanden. Stanley Kubrick zeichnet sich mal wieder verantwortlich für ein wahrhaftiges Meisterwerk und lässt Vietnam tief in die heimische Seele des Zuschauer vordringen. Größtmögliches Kino, die Ewigkeit überdauernd.

Autor: Pascal Reis
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