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Inhalt

Eva (Tilda Swinton) ist eine gebrochene Frau. Ihr Sohn sitzt im Gefängnis, ihre Ehe ist gescheitert, ihr Umfeld meidet oder terrorisiert sie. Rückblenden zeigen, dass all dies mit ihrem Kind Kevin (Ezra Miller) zusammenhängt. Vielleicht gibt die distanzierte Beziehung der Mutter-Sohn Geschichte Aufschluss über die Ereignisse, die zur tragischen Wende in ihrem Leben führten…

Kritik

Es ist hinlänglich bekannt, dass sich die intensivsten filmischen und literarischen Erzählungen durch ihre Absicht auszeichnen, den Konsumenten eine Fülle moralischer und grundlegender Fragen in den Kopf zu setzen, ohne sie selbst konkret zu beantworten. Exemplarisch hierfür seien der kubricksche Klassiker 2001 – Odyssee im Weltraum und The Tree of Life, das jüngste Werk des Regie-Phantoms Terrence Malick erwähnt. Das augenscheinlich unbefriedigende Gefühl, einer abgeschlossenen Erzählung beigewohnt zu haben und dennoch wochen–, monate- oder (im Falle von 2001″) sogar jahrzehntelang mit variierenden Denkansätzen auf das Erzählte zurückzublicken, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als das höchste Gut der schönen Künste und lässt das Werk ausgewählter Regisseure und Autoren in die verdiente Unsterblichkeit eingehen.

Regisseurin Lynne Ramsay schlägt mit We Need to Talk About Kevin in eine ähnliche Bresche; mit einer beklemmend abgefilmten Mutter-Sohn-Geschichte steuert sie auf eine scheinbar nicht nachvollziehbare Tat des Jungen zu und zwingt viel zu schnell verblasste Nachrichtenbilder erneut vor das innere Auge ihrer Zuschauer. Des Weiteren hinterlässt das Mosaik aus zahlreichen Einzelszenen, losen Interpretationsansätzen und düsterer Konsequenzen die Frage nach der Austauschbarkeit des Namens Kevin im zunehmend unheilvoller erscheinenden Titel des Films.

Um den -an dieser Stelle nicht genannten- Höhepunkt des Films in seiner emotionalen Härte zu potenzieren und die Sinne ihrer Zuschauer zu schärfen, entschliesst sich Ramsay dazu, die Chronologie ihrer Gesellschaftskritik zu zerschlagen und Schlüsselszenen zwischen Kevins Zeugung und seinem zweiten Jahrestag im Gefängnis nur lose anzuordnen. Dabei nehmen wir stets den Blickwinkel der einstigen Abenteuerjournalistin Eva (schlichtweg überragend: Tilda Swinton) ein. Nach wenigen Minuten wissen wir, dass ihr einst aufregendes und glückliches Leben zu einem großen Elend kollabiert ist, ihr Sohn im Gefängnis sitzt und sie selbst so gebrochen scheint, dass sie sich sogar auf offener Straße von Passanten ins Gesicht schlagen lässt, nur um darauf in vollster Demut das Weite zu suchen und wieder in ihr mit roter Farbe beschmiertes Haus zu flüchten.

Der zersplitterte Einstieg und die im Arthouse-Genre bekannten Verfahren, die Schlüsselszenen in der Erziehung des Jungen einzufangen, sorgen dafür, dass sich We Need to Talk About Kevin lange Zeit als zugegebenermaßen hochklassiges, aber eben noch nicht außergewöhnliches Familiendrama anfühlt. Elliptisch eingestreute Szenen aus der frühsten Kindheit überschneiden sich mit Momenten aus Evas Gegenwart und Zitaten vom Tag der menschlichen Katastrophe. Was in den ersten zwei Dritteln der Erzählung für schlichte Neugier nach Auflösung der Handlung sorgt, entpuppt sich final als unerschöpflicher Quell für verschiedenste Interpretationsansätze: Welchen Anteil hat Eva an der makaberen Natur ihres Kindes? Wann hätte sie Hilfe von Dritten einholen sollen? Inwiefern muss sie mit dem Hass ihrer Umwelt Leben und ist es fair, dass Mitbürger ihre Wut auf sie katalysieren, da Kevin bekanntlich im Gefängnis und unerreichbar ist? Die entsetzen Bürger wissen nicht um die uns gegebenen Vorkenntnisse – von der überforderten Mutter, die sich mit dem schreienden Kind neben einen Presslufthammer stellt, um dem nervtötenden Alltag für einige Sekunden zu entfliehen. Auch haben Sie keine Ahnung von dem fortwährenden Terror ihres Kindes, auf den die schnell ausgebrannte Frau teilweise mit unangebrachter Ehrlichkeit oder impulsiver Gewalt reagiert.

„There is no point. That’s the point“ – Kevin

Kevin (Ezra Miller) selbst gewährt nur wenige Einblicke in seine Gedankenwelt – wir sind gezwungen ihn zunehmend intelligenter und narzisstischer wahrzunehmen, bis wir verlockt sind ihn ebenso eindimensional zu hassen, wie es seine Umwelt tut. Nur gibt uns Ramsey die einmalige Chance, diese Person aus vielen Blickwinkeln zu betrachten, seine Eltern sowie sein Umfeld penibel auszuleuchten und Gründe für sein Handeln zu suchen, die so universal sind, dass sie die erzählte Geschichte als eine Tragödie von viel zu vielen auf der Welt deklarieren. So entpuppt sich Ramsays Werk als feingliedrige Studie über Erziehung, Schuld und unerhörte Hilferufe – eine Studie, von der Millionen Menschen lernen können, sollten und vielleicht sogar müssen

Fazit

100

"We Need to Talk About Kevin" ist ein grausam vielschichtiges Drama über Schuld, Sühne und Vergebung. Regisseurin Lynne Ramsay stützt ihre Geschichte auf beängstigend universelle Probleme und nutzt sie für einen nachhaltigen Schock, der die Zuschauer zu Tränen rührt und noch wochenlang über das Erlebte nachdenken lässt.

Autor: d kr Userwertung: 7.3 von 10 basierend auf 71.135 Wertungen.

Kommentare

Koshman

Koshman am Donnerstag, 23 Mai 2013, 06:45 Uhr

Sehr verstörender Film aber sehr sehenswert, nur die Szene ganz am Schluss fand ich noch schlimmer als Kevins Taten. Nach all dem was Kevin getan hat reagiert die Mutter noch so. Für mich unbegreiflich.
Toller nachdenklicher Film.

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