7.8

MB-Kritik

Saw 2004

Mystery, Horror – USA, Australia

7.8

7.7

4.6

Leigh Whannell
Cary Elwes
Danny Glover
Ken Leung
Dina Meyer
Mike Butters
Paul Gutrecht
Michael Emerson
Benito Martinez
Shawnee Smith
Makenzie Vega Norfolk
Monica Potter
Ned Bellamy
Alexandra Bokyun Chun
Avner Garbi
Tobin Bell

Inhalt

Als der Arzt Dr. Lawrence Gordon (Cary Elwes) und der Fotograf Adam (Leigh Whannell) in einem heruntergekommenem Kellerraum erwachen, wissen sie noch nicht was sie in den kommenden Stunden erwarten wird. Dass nichts Gutes passieren wird, ist jedoch nicht schwer zu erahnen: Beide sind an ein Rohr gekettet und haben nicht die leiseste Ahnung wie sie an diesen abgeschiedenen Ort gekommen sind. In der Mitte des Raumes liegt eine übel zugerichtete Leiche mit einem Kassettenrecorder und einer Pistole in der Hand. Schließlich finden Lawrence und Adam Nachrichten ihres Entführers, in den ihnen mitgeteilt wird, wie sie ihre Freiheit wieder erlangen können: Einer der beiden muss den anderen töten, um den Kellerraum lebend verlassen zu können. Schnell wird klar; der Serienkiller Jigsaw hat Ihnen dies angetan. Als Hilfsmittel steht beiden eine alte Säge zur Verfügung. Das brutale Spiel kann beginnen…

"Er...er will gar nicht, dass wir uns die Ketten durchsägen. Er will, dass wir uns den Fuß absägen!“

Kritik

Saw“ ist vielleicht das größte Horrorfilmphänomen, welches jemals in diesem Genre erschaffen wurde. Nicht nur 6 Fortsetzungen brachte das Franchise mit sich, sondern auch einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde für die „Erfolgreichste Horrorfilmserie aller Zeiten“ (gemessen an den Einnahmen der kompletten Serie).Erstaunlicherweise basiert der erste Teil auf dem gleichnamigen ca. zehnminütigen Kurzfilm aus dem Jahre 2003. Dieser wird unter Fans auch als „Saw 0.5“ betitelt. Hier war nicht nur James Wan Regisseur, sondern Leigh Whannell hat auch die Hauptrolle in diesem Kurzfilm übernommen und sogar das Drehbuch verfasst. Dieser Kurzfilm der beiden Studenten sollte größere Studios überzeugen, aus der Geschichte einen abendfüllenden Film zu produzieren. Dies hat geklappt. Leigh Whannell wurde als Drehbuchschreiber beibehalten und James Wan übernahm die Regie. Was allen Beteiligten nicht klar war: Die Grundidee hinter „Saw“ veränderte das Horrorgenre für immer und der erste Teil dieser Serie wurde schnell zum Kult.In Amerika passabel gestartet wurde „Saw“ in nur wenigen Kinos in Deutschland und im europäischen Ausland veröffentlicht.

 Trotzdem wurden weltweit Gesamteinnahmen von über 100.000.000 Dollar eingespielt. Und dies bei gerade Mal Produktionskosten von ca. 1,2 Millionen Dollar. „Saw“ wurde im Vorfeld auf Festivals gelobt, doch gerade die Deutschen bekamen davon wenig mit. Eher durch Mundpropaganda entwickelte sich eine schnell wachsende Filmgemeinde.Die Frage die sich hier stellt: Ist der Hype um „Saw“ gerechtfertigt oder nicht?Schon zu Beginn wird schnell klar, in welche Richtung sich dabei der Film bewegt. Ohne Umschweife versetzt „Saw“ den Zuschauer in ein heruntergekommenes Badezimmer und man sieht die beiden Protagonisten, angekettet an Heizungsrohren. Der Look ist dreckig und hoffnungslos. Die erste Kamerafahrt zeigt dem Zuschauer eine übel zugerichtete Leiche. Jetzt sollte klar sein, dass „Saw“ ein Thriller ist, welcher zur härteren Gangart gehört als viele andere Genrevertreter. Zu Beginn ist der Zuschauer so schlau wie die Protagonisten selbst. Es gibt keinen Hinweis darauf, warum beide in dieser misslichen Lage sind. Nur nach und nach wird dem Zuschauer klar, worum es geht. Beide befinden sich in einem perversen Spiel, das über Leben und Tod entscheidet. Alleine die Tatsache des Nichtwissens hat einen gewissen Reiz. 

Der Zuschauer ist genau so schlau wie die Gefangenen und erst durch Erzählungen löst sich nach und nach das Rätsel auf. Zu keiner Zeit ist der Zuschauer den Protagonisten überlegen und man fiebert der Auflösung entgegen. Dadurch ist der Zuschauer näher an den Protagonisten und kann sich besser in deren Lage versetzen.Generell kann „Saw“ als minimalistisches Kammerspiel bezeichnet werden, mit einem eng geknüpften Plot, welcher aber zu keiner Zeit Langeweile aufkommen lässt. Nur durch Rückblenden erfahren wir etwas über die Außenwelt, welche allerdings eher weitere Fragen aufwirft, als dem Zuschauer Antworten zu verschaffen. Dies erschafft eine ungewöhnliche Intensität, die selten in Filmen vorkommt. Es geht hierbei nicht um eine explizite Darstellung von Gewalt, sondern um den psychologischen Konflikt zwischen den Protagonisten.Oftmals gibt es Probleme bei dieser Art von Kammerspiel. Die Schauspieler müssen gut ausgewählt sein, um die gewünschte Atmosphäre zu erzeugen. James Wan entschied sich zu einer ungewöhnlichen Auswahl. Cary Elwes (Dr. Gordon) war eher dafür bekannt, in Nebenrollen zu schlüpfen und hat schauspielerisch keine herausragende Leistung vorzuweisen. 

Leigh Whannell ist eine noch ungewöhnlichere Wahl gewesen. Er hatte zwar einen sehr kurzen Auftritt in „Matrix Reloaded“, sonst aber äußerst wenig mit der Schauspielerei zu tun. Doch in dem Kurzfilm von „Saw“ überzeugte er so stark, dass er die Hauptrolle bekam. Genauer betrachtet hat Wan hier alles richtig gemacht. Beide überzeugen in ihren Rollen und projizieren die Hilflosigkeit auf den Zuschauer. Vielleicht war die fehlende Prominenz hier ein großer Vorteil. Zwar stoßen beide im Finale an ihre schauspielerischen Grenzen, aber das sei gerne verziehen. Beide Gesichter sind unverbraucht und erfrischen die Szenerie. Auch die Nebenrollen sind vernünftig besetzt. Danny Glover als traumatisierter Ermittler und Michael Emerson als Krankenpfleger „Zep“ überzeugen.„Nach Sie7en kommt nicht Acht, sondern Saw!“Unverdienterweise wurde „Saw“ seitens vieler Kritiker als schlechte Kopie von David Finchers Meisterwerk abgetan. Zugegebenermaßen sind deutliche Bezüge zu sehen, die nicht die Komplexität von „Sie7en“ erreichen - wie etwa die Figur des moralisierenden Täter oder die explizite Darstellung der sadistischen Gewaltorgien – doch James Wan bekennt sich ganz offen zu seinem Vorbild und kopiert dieses in den genannten Momenten zumindest mit Stilsicherheit und handwerklichem Bravour. 

Die ästhetische Ähnlichkeit zu einem technisch virtuosen, teuer produzierten Hollywood-Blockbuster ist Wans Film im Gegenteil positiv anzurechnen, bedenkt man, dass es sich bei „Saw“ um eine Low-Budget-Produktion mit geschätzten Entstehungskosten von nur 1,2 Millionen Dollar handelt – ein Bruchteil dessen, was „Sie7en“ mit seinen 30 Millionen Dollar veranschlagte.Darüber hinaus setzt er sich von seinem Vorbild sowie anderen Filmen des Serienkiller-Genres ab, indem er nicht die übliche Perspektive der Ermittler einnimmt. Zwar wird auch diese in „Saw“ vernünftig in die Nebenhandlung eingeflochten, doch im Zentrum des Films steht die für das Genre ungewöhnliche Perspektive der Opfer.Wie bereits erwähnt ist der Look des Films dreckig und düster. Dies unterstreichen nicht nur die Schauplätze… Selten gibt es aufhellende Szenen. Alles wirkt finster und bedrohlich. Einzig das monotone Licht des Kellerraumes erzeugt Helligkeit. Auch der Soundtrack von Charles Clouser (Mitglied der Nine Inch Nails) unterstreicht diesen düsteren Grundton des Filmes. 

Während der Rückblenden und den anderen „Spielen“ verändert sich auch die Kameraführung. Im Kellerraum ist die Kamera ruhig und es wird mit wenigen Schnitten gearbeitet. Bei den „hektischen“ Szenen ändert die die Arbeit des Kameramannes und des Schnittes. Alles wird rasch aneinander geschnitten und wirkt unruhig und hektisch. Dies tut dem Film aber keinen Abbruch sondern unterstreicht das Tempo der jeweiligen Szenen. Hektik und Unruhe stehen hier im klaren Kontrast zu der sonst eher ruhigen Kameraarbeit innerhalb der Hauptszenerie.Die Wahl der Schweinemaske für Jigsaw, sowie die Harlekinpuppe als Unheilverkünder konnten besser nicht ausfallen. Schon nach dem ersten Teil ist die Puppe zu einer Kultfigur geworden. Diese steht sinnbildlich für die „Saw“ –Reihe sowie die drohende Gefahr und vermittelt bei bloßen auftauchen einen kleinen Schauer."Wer das Leben nicht schätzt, verdient nicht zu Leben."Ein möglicher Kritikpunkt ist das fehlende Motiv des Täters. Im ersten Teil wird dieses so gut wie gar nicht beleuchtet. Eine psychologische Beschreibung oder eine Beleuchtung des Innenlebens von Jigsaw fehlen gänzlich. Die Motivation wird angedeutet, aber auch nicht erläutert. Zwar kann man behaupten, dass das Grauen in dieser entfremdeten Welt nicht erklärbar ist und somit der Täter eine unbekannte Größe darstellt, doch dies reicht für Viele nicht aus. Für Andere wiederum ist diese Unergründbarkeit beängstigend. Gerade hier scheiden sich die Geister der Fans.Fairerweise muss man erwähnen, dass die Motive in den folgenden Teilen besser beleuchtet werden und somit das Mysterium um das „Wieso“ und „Warum“ erläutert werden. 

Ob dadurch die Fortsetzungen qualitativ (Storytechnisch gesehen) besser werden, ist fraglich. Die Unsicherheit des Motivs hilft, sich in die unwissenden Personen zu versetzen.Des Weiteren bietet „Saw“ einige brutale Szenen. Zwar sind diese bei weitem nicht so explizit und gewalttätig wie in den Fortsetzungen, trotzdem werden „Nichtfans“ das eine oder andere Mal schlucken. Grundsätzlich passt der Härtegrad zur Szenerie. Die Gewalt wird meist zwar nur angedeutet, doch der Kopf reimt sich hier den Rest zusammen. Erschreckend an diesen Szenen ist die Tatsache, dass wirklich alle Opfer eine reelle Chance gehabt hätten zu überleben, doch nicht mit der nötigen Ruhe und Konzentration heran gegangen sind.Im Umkehrschluss ist es daher nicht richtig, Jigsaw als Serienkiller darzustellen, da er niemanden tötet, sondern seine Opfer vor die Wahl stellt: „Leben oder Sterben“.Besonders hervorheben muss man den Schluss von „Saw“. Mit der Auflösung des Ganzen wird niemand rechnen und der Zuschauer muss beim Abspann feststellen, wie unerwartet, aber auch genial und innovativ das Ende ist. Rückwirkend betrachtet ist alles schlüssig und logisch, sofern man zeitliche Abläufe und die kalkulierte Berechnung von Jigsaw außen vor lässt. „Wer suchet der findet“ mögliche kleine Fehler, nichtsdestotrotz gehört das Ende wohl zu den besten Filmenden in der Geschichte des Horrorfilms. Unerwartet, böse und schockierend.

Fazit

Saw“ ist eine Perle des Horrorgenres und ist für Fans ein absolutes Muss. Selten wurde ein so intensiver Thriller mit so wenigen Mitteln inszeniert. Der Härtegrad hält sich im Rahmen, trotzdem ist „Saw“ nichts für schwache Nerven. Fans von „Sie7en“ und ähnlichen Filmen werden unbestritten zugeben müssen, dass die kleine Produktion von James Wan den Hollywood Blockbustern in nichts nach steht. Nicht umsonst hat sich „Saw“ mittlerweile zu einem Kultfilm entwickelt und so weite Kreise innerhalb des Genres gezogen. Für Leute, welcher der harten und düsteren Gangart gegenüber nicht aufgeschlossen sind, ist eine Sichtung abzuraten.

Autor: Christian Kühnemann
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