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Inhalt

Eine Glashütte im finsteren Bayern des 19. Jahrhunderts: Der wichtigste Arbeiter ist gestorben und hat das Geheimnis der Rubinglasherstellung mit ins Grab genommen. Das kleine Dorf, einzig bekannt für seine rubinroten Gläser, verfällt in eine tiefe Depression. Der Glashüttenbesitzer weiß keinen anderen Rat und engagiert den legendären Hellseher Mühlhias. Er soll das Geheimnis enträtseln. Doch Mühlhias' Prophezeiungen enthalten nicht das begehrte Rezept, sondern sagen unabänderliche Katastrophen voraus. Die Hütte werde Feuer fangen und der Besitzer dem Wahnsinn verfallen.

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Kritik

Konsequenter als in Herz aus Glas war Werner Herzog wohl nie wieder; nicht in seinen weiteren Werken mit der mehr oder weniger freundlichen Unterstützung der Bundesrepublik und auch nicht in den Vereinigten Staaten. Was der Bayer hier 1976 auf die Beine gestellt hat, ist suggestive und subversive Kunst in ihrem absoluten Verständnis – Kein Wunder, dass die deutsche Filmförderung erst mal die Geldhähne für nächste Projekte zudrehte, was erlaubt sich der legendäre „Zwergenregisseur“ da denn auch? Vorgeführt ohne jede Rücksicht auf die konventionelle Sehgewohnheiten des weltweiten Publikums und doch genauso narkotisch pittoresk, wie man es von Herzog bis heute gewohnt ist. Herz aus Glas ist die bleierne Anti-Unterhaltung seines Œuvre schlechthin, dramaturgische Gebote scheinen bedeutungslos; alles was zählt ist das aufkommende Gefühl der fortwährenden Dunkelheit, das pulsierende Klima, dass alles und jeden verschlingt: Zuschauer wie Beteiligte.

Und für seine Beteiligten, den Darstellern, fast ausschließlich aus unerfahrenen Laien bestehend, hat sich der Meister noch etwas ganz Besonderes ausgedacht: Außer Josef Bierbichler, der den Hüter und Hellseher Hias verkörpert, eine Art Alter Ego Herzogs, spielt der gesamte Cast – bis auf wenige weitere Ausnahme – in vollkommener Hypnose. Warum? Weil Herz aus Glas ein Film über die menschliche Natur und ihre verwurzelten Geheimnisse ist, die tief im Verborgenen der Bewohner des bayrischen Dörfchen lauern. Dass Herzog seine Schauspieler also hypnotisieren ließ, bewirkte den stilistischen Effekt, dass ihr Innerstes an die Oberfläche gekehrt wird, egal ob ihre Gestik und Mimik, ihr gesamtes Auftreten und Verhalten oftmals reichlich wirklichkeitsfremd wirkt und von einigen Seiten wahrscheinlich auch das ein oder andere Schmunzeln wegstecken muss: In Herz aus Glas wird gespielt, ohne es zu wissen; Improvisation und künstlerische Autarkie.

»Ich schau' in die Ferne, bis ans Ende der Welt. […] Das ist der Anfang vom Ende. Der Rand der Welt fängt an zu stürzen, alles fängt an zu stürzen. Stürzt nieder und fällt und stürzt und stürzt...«

Werner Herzog dringt mit Herz aus Glas tief in die universellen Seelenkammern der Weltbevölkerung. Wo die Geschichte zwar in dem bayrischen Dorf im 19. Jahrhundert angelegt ist, darf sich Herzogs narratives Anliegen ohne jede Einschränkung publizieren: Die Apokalypse steht bevor, der Untergang allen humanen Seins. Befallen von einer lethargischen Finsternis scheint es so, als wollen sich die fokussierten Menschen ihrer menschlichen Hülle entledigen und verkümmern lassen wie ein wertloses Exoskelett in den Überresten ihrer langsam zerfallenden Realität. Nur Hias, den sie später noch die Schuld für all das Elend zuschieben möchte, zieht sich zurück in die Wälder und versteht, dass die Menschheit sich immer in einem Kampf befindet, im Kampf gegen ihren größten und unbezwingbaren Feind: Der innerseelische Kampf gegen sich selbst. Fragile Einsamkeit macht sich breit und eine Gruppe von Menschen paddelt in einem kleinen Boot dem Rand der Welt entgegen, nur um zu beweisen, das Mutter Erde keine Kugel ist. Und welchen Wert hat die Vergegenwärtigung, wenn sie tatsächlich schlagartig in die Leere stürzen? Ein mystischer, depressiver und umso kostbarer Brocken von Film.

Fazit

Konsequenter (respektive: radikaler) war Werner Herzog niemals wieder. Mit einem (bis auf den Hauptdarsteller) hypnotisierten Cast dringt der deutsche Meisterregisseur in seelische Tiefen vor, die gleichermaßen verstören wie beflügeln. Selten jedenfalls hat man ein derart unverstellste Stück Kino gesehen. Narkotisch, pittoresk, mystisch. Ein absolut kostbarer Brocken Anti-Unterhaltung.

Autor: Pascal Reis

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