6.1

MB-Kritik

Grass 2017

Drama

6.1

Kim Min-hee
Joobong Kee

Inhalt

Den Besitzer des Cafés in einem traditionellen Viertel von Seoul wird man nicht zu Gesicht bekommen. Man erfährt jedoch, dass er gerne klassische Musik hört. Zu Franz Schubert, Richard Wagner, Jacques Offenbach variiert Hong Sangsoo das wiederkehrende Motiv all seiner Filme, die Begegnung von Frau und Mann. Ein junges Mädchen wirft einem jungen Mann den Suizid seiner Freundin vor. Wenig später macht sie ihm ein Kompliment. Verlegen schaut er nach unten. Mitten im Gespräch nimmt uns ein Reißschwenk mit an den nächsten Tisch. Hier sitzt eine Frau am Computer, sie greift die Fäden der Dialoge auf und spinnt sie weiter. Ist sie die Autorin der folgenden Beziehungsminaturen, deren Geschichten und Themen sich spiegeln? Manchmal greift die Schreiberin aktiv ins Geschehen ein. Manchmal suchen die Figuren ihren Rat. Auch in diesem Hong-Sangsoo-Film wird Soju, der koreanische Schnaps, auf den Tisch gestellt. In diesem Moment zieht sich die Kamera zurück, fängt ein junges Paar ein, das sich in traditionellen Kostümen mit Handys fotografiert. Resignation oder Neuanfang? Vielleicht muss man im Geschlechterspiel gelegentlich zurückblicken, um voranzukommen.

Kritik

Was haben Liebe und Tod gemeinsam mit Kim Minhee und Soju? Die Antwort: Alle sind reguläre Gäste in den Filmen Hong Sangsoos (The Day after). Der koreanische Regisseur gibt sich in seiner flüchtigen filmischen Skizze als zufälliger Beobachter. Eine Rolle, die er auf der Leinwand an die lakonische Schlüsselfigur seiner schwarz-weißen Humoreske weitergibt. Die junge Frau (Kim Minhee, The Day after) ist eine der Gäste des Cafés, das zum Fixpunkt der improvisatorisch anmutenden Gespräche wird. Über den Rand ihres Laptops mustert sie gedankenverloren die Paare, die hier ihre diversen Problemchen ausbreiten oder einander in traditionellen Gewändern aus einem benachbarten Kostümverleih fotografieren. Kummer und Unbeschwertheit kommen nicht selten Hand in Hand, genau wie die Gäste.

Eine Handlung im eigentlichen Sinne existiert nicht in der beiläufigen Verknüpfung einer Handvoll Figuren und deren Beziehungen. Letzte befinden sich stets an einer anderen Station auf dem vom Schicksal vorgezeichneten Weg vom ersten Kennenlernen zur Trennung. Am Ende steht die völlige Loslösung, nicht nur der Partner voneinander, sondern des Ichs aus der Welt. Wenn die Diskussions- oder Lebensgemeinschaften ihre Existenzen hinterfragen oder eine Flasche Soju kreisen lassen, sitzt der Tod mit am Tisch. Ein diskreter Zuschauer gleich der jungen Frau, deren Verhältnis zu den übrigen Figuren so ambivalent ist wie das des Regisseurs. Er bedenkt alle der Besucher mit sanftem Spott und macht bei sich selbst keine Ausnahme.

Immer verwende er das gleiche Material, klagt ein Drehbuchautor seine Unfähigkeit zur kreativen Weiterentwicklung. Was er brauche sei etwas, das ihn inspiriere. Jemanden, den er beobachten könne. Jemanden wie die junge Frau. Sie erteilt dem suspekten Angebot eine Abfuhr. Dabei spiegelt ihre eigene Position gegenüber den Gästen, die das Café und damit den Filmrahmen betreten und wieder verlassen, die jenes Fremden. Genau wie er klebt Sangsoo an den selben Motiven. Heimlich schleichen sie sich in die betont unverfänglich angesetzten Unterhaltungen, denen die musikalische Kulisse aus Stücken von Schubert und Wagner eine ironische Melodramatik verleiht. Dazu ein Glas Soju an einem Herbstabend – was gibt es Schöneres?

Fazit

Hong Sangsoo kehrt 21 Jahre, nachdem er im Berlinale Forum sein Regiedebüt vorstellte, zurück mit einer von leisem Humor getragenem Geflecht wechselhafter Alltagsvignetten. Zu banal, um zu fesseln, doch kurzweilig genug für die überschaubare Laufzeit, ist die Gesamtheit der Episoden ein ähnlich formloser Versuch wie das Werk der undurchsichtigen Schlüsselfigur: „Eine Art Tagebuch, aber kein Tagebuch. Es ist vorerst etwas Ungewöhnliches.

Autor: Lida Bach
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