MB-Kritik

Ghostland - Reise ins Land der Geister 2016

Documentary

7.4

Inhalt

Das Leben der Ju/'Hoansi Buschmänner im 21. Jhd. ist durch Hunger und kulturelle Entwurzelung geprägt. Das Leben in der großen Weite der Kalahari hat sich für die älteste Kultur auf unserem Planeten verändert: das überlebenswichtige Jagen ist ihnen seit 1990 per namibianischen Gesetz verboten, Farmerzäune durchziehen die vormals endlose Trockensavanne. Die einstigen Nomaden sind nun zwangsweise in einem, für sie ungewohnt festen Lebensmittelpunkt anzutreffen und sind auf mildtätige Gaben des Staates oder abenteuerlustiger Touristen angewiesen um zu überleben. Dies ist die Ausgangssituation in der wir uns auf den Weg machen eine Gruppe von Ju/'Hoansi im Nordosten Namibias zu besuchen um sie auf eine Reise durch die Welt der "Anderen" in Namibia und Europa zu begleiten. Eine Reise mit umgedrehten Vorzeichen: vom Erforschten zum Forscher, von der touristischen Attraktion zum Touristen, vom Bettler zum Lehrer. Es ist zugleich Herausforderung und eine völlig neue Gelegenheit für "sie" wie für "uns". Ein Blick auf Gegensätze, ein Spiegel der auch uns vorgehalten wird und unsere "zivilisierte" Welt und unsere modernen Riten entlarvt, ein Rollentausch gesehen durch die Augen aus einer anderen vom Aussterben bedrohten Zeit. Der Film "Ghostland" zeigt ausgehend von ihrem traditionellen Nomadenleben die unvermeidbare Verschmelzung in ihrer Heimat und auf ihren Reisen mit der "modernen Welt". Wir nehmen ihre Position zwischen den Welten ein und erreichen so einen einen letzten Blick auf die vom verschwinden bedrohten Ju/'Hoansi, sowie auf uns selbst und die Welt in der wir leben.

Kritik

Die Prämisse von Ghostland erinnert auf den ersten Blick stark an die beliebte Komödie Die Götter müssen verrückt sein, aus der Feder des Südafrikanischen Filmemachers Jamie Uys. Obwohl der Vergleich zu einem früheren Zeitraum sicherlich passend war, ist der Dokumentarfilm in eine Zeit angesiedelt, in der die Buschmänner des Ju/Hoansi Stammes bereits seit geraumer Zeit Kontakt mit der Außenwelt hatten. Tatsächlich begegnen uns die Ju/Hoansi in ausgebleichten T-Shirts, während sie für eine Touristengruppe einen alten Stammestanz aufführen. Obwohl der Stamm keinerlei Scheu zeugt, kommt man doch nicht umher die Szenerie zu hinterfragen. Wenn ein bleicher Tourist mit Bierbauch, Sonnenhut und Birkenstocksandalen für ein Urlaubsfoto neben zwei barbusigen Ju/Hoansi Frauen posiert, während seine Frau selbstgemachten Schmuck des Stammes erwirbt, hat das durchaus etwas befremdliches. Doch die  Ju/Hoansi sind auf jene Touristen und deren Geld angewiesen, denn vom Busch alleine können sie schon lange nicht mehr leben. Anders als andere Stämme Afrikas, besitzen die  Ju/Hoansi keinerlei Vieh und auch die Kunst des Ackerbaus haben die Buschmänner nie erlernt. Nachdem die Regierung von Namibia ihnen ihre Hauptnahrungsquelle genommen hat, sie die  Ju/Hoansi auf Einkäufe im nächst gelegenen Supermarkt angewiesen, welcher mehrere Tagesmärsche von ihrem Dorf entfernt liegt.

Die Dokumentation selbst begleitet den Stamm auf zwei Erkundungstouren, welche thematisch unterschiedlicher nicht sein könnten. Mit dem Bus geht es zunächst auf große Fahrt quer durch Namibia. Die  Ju/Hoansi lernen dabei nicht nur fremde Stämme aus ihrer Umgebung kennen, sondern erhalten auch einen Einblick in die moderne Kultur des Landes. Diese mag für uns Europäer etwas altbacken anmuten, für die Ju/Hoansi haben Alttagesgüter, wie etwa fließend Wasser, jedoch einen ganz anderen Stellungswert. Nach diesem ersten Ausflug geht es für 4 Mitglieder des Stammes dann nach Europa, genauer gesagt Frankfurt am Main. Der Kontrast zwischen Lehmhütte und gläserner Hochhausfront, ist sicherlich nicht zufällig gewählt. In der zweiten Hälfte der Doku geht es dann vor allem um die unterschiedlichen Lebensphilosophien. Während in Frankfurt täglich tausende Menschen emotionslos aneinander vorbei laufen, ohne dem Gegenüber auch nur einen Hauch von Beachtung zu schenken, sind die Ju/Hoansi auf einen festen Zusammenhalt in ihrer kleinen Gemeinschaft angewiesen. Auch das Tempo, mit dem etwa Geschäftsleute von Termin zu Termin hetzen, stößt bei den Ureinwohnern auf Kopfschütteln.

All diese Einblicke in unsere moderne Welt dürften die wenigsten überraschen, dennoch muss man dem Film zu Gute halten, dass er es vermeidet mit dem erhobenen Finger unsere kapitalistische Welt zu verwünschen und gleichzeitig eine Rückbesinnung zur Natur zu fordern. Stattdessen entsteht ein offener Dialog zwischen den Beiden Welten, welche letztlich voneinander lernen können, ohne dabei einen klaren Sieger zu definieren. Obwohl die Dokumentation letztlich nur wenig neues zu bieten hat, ist diese humoristische Safari durchaus einen Blick wert. Grund dafür sind vor allem die Ju/Hoansi, welche ihre neuen Eindrücke mit einer gehörigen Portion Humor, fachgerecht kommentieren. Ob hier unter Umständen Dialoge in der Postproduktion etwas ausgefeilt worden, sei mal dahingestellt, dennoch macht es sichtlich, Spaß mit dem Stamm auf große Tour zu gehen.

Fazit

Inhaltlich erzählt "Ghostland - Reise ins Land der Geister“ nicht wirklich etwas neues, schließlich gibt es heutzutage kaum noch Ureinwohner, die nicht im regen Kontakt mit der Außenwelt stehen. Der erhoffte Kulturschock bleibt daher weitestgehend aus, was im Nachhinein betrachtet durchaus von Vorteil ist, da die Ju/Hoansi so nicht fälschlicherweise als primitive Wilde stilisiert werden, sondern als Menschen wie du und ich, mit nachvollziehbaren Problemen und Bedürfnissen. Obwohl die Entdeckungsreise mit den Ureinwohnern den Zuschauer gut unterhält, bleibt letzten Endes nicht viel vom Film hängen, da die Thematik schlicht zu austauschbar ist.  

Autor: Sebastian Pierchalla
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