6.0

MB-Kritik

Cargo 2017

Drama, Thriller

6.0

Martin Freeman
Anthony Hayes
Susie Porter
Caren Pistorius
Kris McQuade
Natasha Wanganeen
Bruce Carter
Simone Landers
David Gulpilil
Joesiah Amos
Ella Barter
Ikee Blackman
Latrelle Coulthard
Karum Fisher
Shannon Mckenzie
Lily Anne McPherson-Dobbins

Inhalt

Es herrschen postapokalyptische Zustände und auch Australien bleibt vom Ausbruch der Zombie-Seuche nicht verschont. Das Paar Andy und Kay hat sich mit seiner kleinen Tochter Rosie vor der Epidemie auf ihr abgelegenes Hausboot am Fluss zurückgezogen, doch auch dort sind sie nicht lange sicher. Als ein gewaltsamer Überfall das Leben der kleinen Familie erschüttert, wird auch Andy infiziert und er weiß, dass er mit seiner fortschreitenden Verwandlung nur noch 48 Stunden Zeit hat, um sein Kind vor der menschenfeindlichen Umwelt und vor sich selbst zu retten.

Kritik

Nicht schon wieder eine Zombie-Seuche! Nicht schon wieder endlose Überlegungen dahingehend, ob es sich um eine Epidemie oder doch um eine Pandemie handelt! Und nicht schon wieder zermürbende Diskussionen darüber, wie man dem Untergang des Menschen entgegenwirken kann, obgleich der Zuschauer ohnehin nur daran interessiert scheint, mitanzusehen, wie sich die eigene Spezies nach und nach in schlurfende Wiedergänger verwandelt. Cargo, das Spielfilmdebüt von Yolanda Ramke und Ben Howling, die vor fünf Jahren mit ihrem gleichnamigen Kurzfilm bereits für Aufsehen sorgten, gibt sich erneut einem Thema hin, dem sich das Medium inzwischen mehr als einmal zu viel angenommen hat, allerdings schlachten die Langfilmdebütanten ihren Handlungskomplex um Zombies, die (Post-)Apokalypse und den Überlebenskampf der Verbliebenen nicht nach reißerischen Statuten aus, sondern versuchen sich an einer gefühlvollen Perspektive.

Auf einem Hausboot schippern Andy (Martin Freeman, Der Hobbit: Eine unerwartete Reise), seine Frau Kay (Susie Porter, Hounds of Love) und ihr gemeinsams Baby Rosie einen Fluss hinunter, der sich geradewegs durch die anmutige Natur Australiens schlängelt. Dass es sich bei den Regisseuren um überaus kompetente Storyteller handelt, wird in der nächsten Szene deutlich, wenn Andy am Ufer des Gewässers eine Familie entdeckt. Die Eltern kampieren, die Kinder tollen herum. Seine verbale Kontaktaufnahme wird allerdings kurzerhand damit quittiert, dass ihm der andere Familienvater ohne zu zögern eine aus dem Hosenbund gezogene Pistole entgegenhält. Die Zeiten der Dialoge sind vorbei, stattdessen regiert das Misstrauen, der Zweifel, die Angst und die Gewalt. Mehr Raum benötigt Cargo nicht, um ein klares Gefühl für die vorherrschenden Verhältnisse zu etablieren.

In seinen besten Momenten erinnert Cargo ganz leicht an die tonale Ausrichtung des atmosphärischen Bravourstücsk It Comes At Night, welches im Januar in den Kinos startete und die undurchdringliche Dunkelheit der Nacht als beklemmendes Terrormedium verwendete. Auch in diesem Film ging es darum, wie Menschen versuchen, sich aufeinander einzulassen, obwohl sie längst in einer Zeit angekommen sind, in dem dieser Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Andy indes ist alsbald auf sich gestellt und hat 48 Stunden, um seine Tochter vor der Zombie-Seuche zu retten. Ihm laufen ebenfalls immer wieder Menschen über den Weg, denen er trauen möchte, denen er aber nicht trauen kann. Die Welt hat sich gegen ihre Bewohner gewandt, jeder kämpft hier für sich und auf eigene Faust. Jedenfalls fast, einen weiterführenden Gedanken nämlich offenbart Cargo hier ebenfalls.

Es ist der Umgang mit den australischen Ureinwohnern, den Aborigines, der Cargo eine weitere Lesart ermöglicht. Immer wieder nämlich sind wir Zeuge davon, wie Eingeborene in Käfige gesperrt werden, um die Zombies anzulocken. Auch Andy sieht sich irgendwann dazu gezwungen, sich einem Aborigine-Mädchen anzuschließen, um seinem Kind eine Chance zu bieten. Im weiteren Verlauf der Handlung, ohne an dieser Stelle zu viel verraten zu wollen, wandelt sich Cargo somit auch in gewisser Weise zu einem Kommentar auf die Mechanismen des Kolonialismus und dreht sie gezielt auf den Kopf, wenn es die indianischen Völker aus Down Under sind, die sich ihr Land zurückerobern. Yolanda Ramkes und Ben Howlings Endzeitszenario versteht sich also auch als eine Art ehrerbietendes Rückbesinnen auf die Bedeutung der Ureinwohner für die eigene Kultur.

Darüber hinaus bleibt sich Cargo vordergründig den Genre-Tropen treu und zeichnet einen Wettlauf gegen die Zeit nach, ohne sich in überzogenen Gewaltspitzen zu verlieren oder seine apokalyptische Drohkulisse dem reinen Effekt unterzuordnen – die Zombies fungieren erstrangig als nur selten zu sehende Präsenz. Cargo bleibt vor allem ein Film, der sich um das Verhalten der Menschen in Extremsituationen dreht und hat mit Martin Freeman einen talentierten Schauspieler in der Hauptrolle, der die Palette an Emotionen zwischen Aufbäumen und Resignieren gekonnt ausspielt. Dass sich die Erzählung dennoch in ihren altbekannten Motiven abnutzt, ist ein Problem, mit dem inzwischen so gut wie jeder Zombie-Film zu kämpfen hat, genauso wie die gelegentlichen Nebenstränge des Geschehens, die die atmosphärische Dichte des Films zwar nicht rauben, dem Porträt einer sich selbst zerfleischenden (Rest-)Menschheit allerdings kaum tiefergehende Impulse einverleibt.

Fazit

Stimmungsvoll inszenierter und von einem stark aufspielenden Martin Freeman in der Hauptrolle gut getragenes Endzeit-Drama. Obgleich "Cargo" mit den obligatorischen Probleme eines Zombie-Filmes zu ringen hat, bleibt das Spielfilmdebüt von Yolanda Ramke und Ben Howling doch als atmosphärisch dichter Beitrag in ein weitestgehend ausgelutschtes Genre in Erinnerung.

Autor: Pascal Reis
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