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Der New Yorker Rettungssanitäter Frank kommt Nacht für Nacht mit dem Tod in Berührung. Er findet Trost bei Mary, der Tochter eines Koma-Patienten, die mit ihrer Drogenvergangenheit zu kämpfen hat. Ähnlich wie in Taxi Driver inszenieren Regisseur Scorsese und Drehbuchautor Schrader in dieser weiteren Zusammenarbeit das nächtliche Straßenleben von New York mit all seinen Abgründen.

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Kritik

Was für ein New York ist das eigentlich, von dem Martin Scorsese (GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia) in Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung spricht? Heutzutage, in dem die amerikanische Weltmetropole zum ultimativen Touristen-Hotspot herangewachsen ist; in dem sich ein jeder darüber profilieren möchte, die Millionenstadt gesehen, erlebt, gefühlt, verstanden zu haben, können wir uns kaum noch vorstellen, wie verdorben New York City bis in die frühen 1990er Jahre – in denen der Film auch angesiedelt ist – doch war. Es war eine Geisterstadt. Nicht, so wie wir sie aus dem Western kennengelernt heben, verlassen, aber nicht erlöst. Nein, New York war überfüllt von Menschen, die ihr geisterhaftes Dasein im Schlagschatten der Hochhausschluchten fristeten; von Junkies, Prostituierten, Säufer, Bandenmitgliedern, Gewaltverbrechern, Suizidgefährdeten.

Travis Bickle, die von Robert De Niro verkörperte Hauptfigur von Scorseses Jahrhundertwerk Taxi Driver, würde angesichts dieser Bilder von einem starken Regen träumen, der den Abschaum von den Straßen spült. Schon damals hat Scorsese, weit weniger reaktionär, als sich diese Formulierung nun anhören mag, mit der Frage gearbeitet: Kann man Travis Bickle jene Hasstiraden und Säuberungsphantasien verübeln? Ist es nicht die logische Konsequenz einer verstörten Seele, irgendwann zur Waffe zu greifen, um sich den Problemen auf eigene Faust anzunehmen? Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung ist, wie schon Taxi Driver, in erster Linie ein Film, der das Klima der Großstadt beschreibt und ein Individuum in dessen Epizentrum setzt, welches durch den ständigen Anblick von all dem Elend, dem Leiden, der Kotze und dem Blut längst verbraucht scheint.

Nur ist es in diesem Fall kein Vietnamveteran, sondern ein Rettungssanitäter namens Frank (Nicolas Cage, Leaving Las Vegas), der alles dafür tun würde, endlich gekündigt zu werden, um nicht mehr jede Nacht auf die verdammte Straße zu müssen. Seit Monaten schon ist es ihm nicht mehr gelungen, jemanden zu retten. Die Menschen sterben ihm reihenweise unter den Finger weg. Früher wusste Frank seinen Beruf mit einem Selbstverständnis auszufüllen, ähnlich eines Soldaten, der mit verbundenen Augen sein Gewehr auseinanderbaut und wieder zusammensetzt. Inzwischen aber verfolgen Frank die stummen Augen der Leichen, die Schreie der ruhelosen Geister. Und der Blick aus dem Krankenwagen offenbart für ihn vor allem eines: Unzählige Verlorene. Nicolas Cage erweist sich als Idealbesetzung für den ausgelaugten Sanitärer, der Leben retten will, aber nicht mehr kann. Der nicht mehr retten will, aber es versuchen muss.

Mit Franks schwarzgeränderten Augen, leichenblasser Visage und einer Lebensmüdigkeit in der Körperhaltung, die davon spricht, seit Ewigkeiten nicht mehr geschlafen zu haben, eben weil die Alpträume schon dort beginnen, wo sich die Lider noch nicht einmal geschlossen haben, manifestiert sich Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung als das Porträt eines Menschen, der in vielerlei Hinsicht nicht mehr funktioniert: Im Job. Im Privaten. Durch seine ständigen Nachtschichten nämlich gibt es dieses Privatleben nicht mehr, es gibt nur den Krankenwagen, die Nacht, den Moloch. Martin Scorsese inszeniert das als intensiv-beklemmenden, rauschartigen Bewusstseinsstrom, arbeitet mit Zeitraffer, mit grellen Farbfiltern, mit sich wiederholenden Musikmontagen, um ein Gefühl der Ohnmacht heraufzubeschwören, welches verdeutlicht: Das Leben zieht an Frank nur noch vorbei. Was ihm geblieben ist? Psychosen. Halluzinationen, die ihn an sein Scheitern erinnern.

Und doch gibt es noch Hoffnung. Natürlich gibt dieses leise Glimmen. Denn irgendwann wird Frank, der selbsternannte Putzlappen für Schmerz und Leid, für sich begreifen, dass die Erlösung anderer Menschen nicht immer mit dem Überleben dieser verbunden ist. Über diese stetig wachsenden Erkenntnis im Hinterkopf läuft ihm irgendwann Mary (Patricia Arquette, Lost Highway) über den Weg, die ebenso rastlos und desortientiert durch die Welt streift, wie er. Die sich Abhilfe in einer Modedroge sucht und doch nur die zwischenmenschliche Berührung braucht, genau wie Frank, um wieder den Ansatz einer inneren Balance zu finden. Dort wird Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung nicht nur die Aufnahme der Beklemmungen urbaner Vollmondnächte, sondern auch ein feinfühliges Werk über Begegnungen. Über die Möglichkeit, all das Verderben kurz auszublenden, auch wenn es damit nicht verschwindet. Morgen schon wird es wieder an die Tür klopfen. Eine Auszeit aber sei erlaubt.

Fazit

"Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung" fliegt immer etwas unter dem Radar der Hauptwerke im Schaffen von Martin Scorsese. Den Film als Randnotiz, als Fußnote zu werten, scheint schlüssig, ist aber gleichermaßen ungerecht, denn seine rauschartige Odyssee durch die New Yorker Nacht ist intensives, eindringliches Kino. Sowohl als Hommage an das in Verdorbenheit vergehende New York als auch in der Form einer sensiblen Bestandsaufnahme zwischenmenschlicher Begegnungen. Kein Meisterwerk, aber definitiv überaus sehenswert.

Autor: Pascal Reis

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