MB-Kritik

Ága 2018

Drama

Mikhail Aprosimov
Feodosia Ivanova
Sergei Egorov
Galina Tikhonova
Afanasiy Kylaev

Inhalt

In den Eiswüsten des Nordens leben der Rentierjäger Nanook und seine Frau Sedna. Ihr Alltag ist mühselig, aber über ihre Lippen kommt keine Klage. Stattdessen erzählen sie sich immer wieder die alten Legenden. Sedna ist schwer krank und denkt an die Tochter Ága, die vor Jahren ihr Elternhaus verließ, um in einer Diamantenmine zu arbeiten. Doch Nanook will davon nichts wissen. Was wird aus dem Alten werden, wenn sich Sedna auf den Weg in die Ewigkeit macht?

Kritik

Die Landschaft ist eine den wenigen Figuren ebenbürtige Protagonistin in Milko Lazarovs epischem Naturpoem. Überwältigende Bilder der schneebedeckten Tundra Jakutiens tragen eine puristische Story, die zu gleichen Teilen Fabel, Familiendrama und ökologische Parabel ist. Die Protagonisten sind Archetypen und besitzen dennoch jeder eine natürliche Individualität, die in vertrauten Gesten und intimen Blicken zum Vorschein tritt. Der spartanische Innenraum der schummerigen Jurte kontrastiert mit der gleißenden Weite, die sie umgibt. In der eisigen Einsamkeit könnten die beiden zentralen Figuren Sedna (Feodosia Ivanova) und Nanook (Mikhail Aprosimov) genauso gut die letzten Menschen auf der Welt sein. In gewisser Weise ist das greise Paar das auch. Sie zählen zu den letzten Vertretern einer im Verschwinden begriffenen Lebensweise.

Der Schmerz über diesen Kulturverlust ist in vielerlei Hinsicht Ursprung der stummen Trauer des Paares. Ihr erwachsener Sohn Chena (Sergey Egorov) fährt nur selten hinaus zu ihnen, im Gepäck Kerosin und Nachrichten aus der Stadt. Dort arbeitet die Tochter in einer Diamantenmine, einem Symbolort der unaufhaltsamen Umweltzerstörung. Jene unaufhaltbare Bedrohung manifestiert sich durch Tierkadaver, die Nanook auf seinen Streifzügen findet, vor allem aber durch die Abwesenheit von Tieren. Das Rentier-Gatter der alten Leute steht schon lange leer. Keine Vögel oder Kleintiere sind zu sehen. Ein einzelnes Rentier, das Nanook gesehen zu haben berichtet, hält Sedna für einen Traum. Doch unwirkliche Erscheinungen sind in dem Grenzland zwischen Moderne und Mythos nicht Trugbilder, sondern prophetische Vorahnungen.

Eine solche ist Sednas Traum von einem Eisbären, dem Namenstier Nanooks. Er folgt ihrem letzten Wunsch und bricht auf zu Aga (Galina Tikhonova), die physisch abwesend doch gedanklich präsent ist. Der mühsame Weg zur Tochter ist Sinnbild der emotionalen Distanz, die er überwinden muss, und verdeutlicht zugleich die Kluft zwischen ursprünglicher und neuzeitlicher Existenz. Auf dem Beifahrersitz eines Lastwagens sieht sich Nanook selbst auf der Seite jener Kräfte, die ihrer aller Lebensraum vernichten. Den erhabenen Panoramaszenen verleiht die Kamera eine Anwandlung von magischem Realismus. Spuren von Motorenöl und Tierblut im Schnee markieren den Aufbruch in ein zukunftsloses Morgen. Über dem versöhnlichen Schlussbild liegt der Schatten einer gähnenden Ödnis, die mit jeder Schneeschmelze weiter wächst.

Fazit

Milko Lazarovs bildgewaltiges Drama ist ein sublimer Abschluss des Wettbewerbs der 68. Berlinale. Kein anderer Film entfaltet eine vergleichbare visuelle Wucht wie der universelle Mythos gemeinschaftlichen Zusammenhalts im Angesicht der unwiderruflich Entzweiung von Mensch und Natur. Leise Schwermut liegt über der harschen Kulisse und den Szenen zärtlicher Vertrautheit, die ein langer, um die Vergeblichkeit wissender Abschied sind.

Autor: Lida Bach
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