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"Death Wish": Über Waffen und andere Fetische

GoldenEra

Von GoldenEra in MBs Kommentarspalte: Warum "Death Wish" ein guter Film ist

"Death Wish": Über Waffen und andere Fetische Bildnachweis: © Universum

Death Wish ist ein ähnliches Phänomen wie Knock Knock, der auch schon ein guter und vor allem sehr interessanter Film war, der bei dem breiten Publikum jedoch keinen Anklang finden konnte. Bei ersterem fällt die negative Rezeption jedoch noch drastischer aus, weil Regisseur  Eli Roth (Hostel) missverstanden wird. Um das zu klären, müssen wir erstmal an die Ursprünge der Kritik herantreten. Was soll denn so schlecht an diesem Film sein? Das lässt sich vor allem auf drei Aspekte reduzieren: Zum einen soll es die Machart, die Inszenierung an sich sein, die vor sich hinstolpert und voyeuristisch einen schwachen Bruce Willis (Looper)  verfolgt. Nun ist Roth ein wirklich guter Regisseur, der sich hier für eine weniger raue Inszenierung entschieden hat, was für ihn erstmal ungewohnt erscheint. Death Wish fühlt sich nicht mehr an, als hätte man ihn aus der dunkelsten Ecke in der Videothek hervorgekramt, das unterscheidet ihn von anderen Roth- Filmen, selbst von dem stylischen Knock Knock. Doch warum ist das so?

Roth möchte keine Geschichte über Rache und Waffen erzählen, sondern primär über unsere Gesellschaft und wie Waffen und Gewalt in ihr funktionieren. Demzufolge ist es nur naheliegend, dass der Film auch bemüht ist, die Glätte unserer Zeit einzufangen. Man darf jedoch beruhigt sein: Man muss sich keine ästhetische Hochglanzpolitur a la Fifty Shades of Grey erwarten. Der zweite Aspekt, der Death Wish immer wieder vorgeworfen wird, ist der scheinbar  mangelnde Unterhaltungswert. Sätze wie „Das hat man schon tausendmal besser gesehen“ oder „Er ist nicht so provokant wie er sich fühlt" bekommt man da zu hören. Dem ist eben nicht so ist: Der Film ist innovativ und subversiv, was ich an dem dritten kritisierten Aspekt, der vermeintlich moralischen Grenzüberschreitung, zeigen werde.

Was wurde sich doch darüber aufgeregt, dass der Film reine Propaganda für Waffengesetze in den USA sei, dass er die tausenden Opfer mit Füßen trete und es in Zeiten von Trump einen derartigen Film gar nicht geben dürfe. Dabei gibt es wohl zwei Arten, den Film zu lesen und keine von beiden gibt ein direktes „Ja“ zur Legitimität. Die erste Art, den Film zu verstehen, fragt nach der Existenzberechtigung vom legalen Waffenbesitz. Untersucht wird weniger die Moral, sondern die Effizienz von Waffen. Das dürfte auch ein Punkt sein, an dem sich viele gestört haben, ist man doch einen stetigen moralischen Diskurs gewöhnt. Der Diskurs ist hier jedoch anders strukturiert: Statt „Darf man das?“ wird „Bringt das was?“ gefragt. Roth untersucht wie sich Selbstjustiz und Waffenbesitz auf einen nicht funktionellen Staatsapparat ausüben.

Roth fragt  auf zwei Arten nach der Existenzberechtigung. Vorrangig fragt er nach der Effizienz (können Waffengesetze die Kriminalität senken?) und nebenbei fragt er nach der Legitimität (sollten wir Waffen besitzen dürfen?), die Legalität wird dabei vorausgesetzt. Alleine an diesen beiden Fragen stören sich viele und tatsächlich haben sie insofern recht, dass man natürlich nicht nach allem fragen darf. Bei vielen Themen sollten wir idealistisch sein und die Effizienz als banal anerkennen. So sollte beispielsweise Folter kein Thema sein dürfen, weil es gegen die Menschwürde verstößt. Die Frage nach der Legitimität des Waffenbesitzes ist ein wenig komplizierter, weil der Besitz einer Waffe zwar bereits die Bereitschaft zur Gewalt kommuniziert, es jedoch gleichzeitig nachvollziehbar erscheint, dass man sich seine Verteidigungsmöglichkeiten maximieren möchte.

Der Philosoph Thomas Hobbes beschrieb in seinem Werk Leviathan den Naturzustand des Menschen als einen, der einem ständigen Krieg gleicht. Das Misstrauen der Menschen untereinander und das unbändige Streben nach Macht resultieren in einen dauerhaften Kampf. Einzig der Leviathan, der vom Staat durchgesetzte Gesellschaftsvertrag, kann dem Abhilfe verschaffen. Hobbes führt jedoch weiterhin aus, dass ein nicht funktioneller Leviathan dazu führen würde, dass die Menschen den Vertrag brechen würden und in den Naturzustand zurückkehren würden. Ähnliches beobachten wir in Death Wish: Das System scheint nicht zu funktionieren. Jeden Tag beobachten wir Mord und Todschlag, das Versagen der Justiz und fehlende Gerechtigkeit. Der Protagonist bricht hier mit dem Leviathan und kehrt in den Naturzustand zurück.

 Bevor wir auf die zweite Verstehensart des Filmes rekurrieren, müssen wir das eben ausgelegte Prinzip dennoch insofern kritisieren, dass Roth keine deutliche Abgrenzung zwischen Selbstjustiz und Waffenbesitz zieht. Es ist etwas anderes, wenn ich unter dem Kopfkissen eine Schusswaffe zu liegen habe, als wenn ich sie heraushole und in der Öffentlichkeit Menschen über den Haufen schieße. Diese Linie zieht der Film leider nicht und macht sich deshalb angreifbar: Man kann ihm (argumentativ gerechtfertigt) eine Befürwortung der Selbstjustiz vorwerfen. Das kann man aber nebenbei auch bei einem Film wie John Wick, der in höchsten Tönen gelobt wird. Nun kann man dem natürlich entgegensetzen, dass John Wick sich nicht so weit vorwagt, dass er das Gezeigte politisiert. Dem ist aber entgegenzusetzen, dass man nie nicht politisch sein kann. Das, was die Gewalt in John Wick legitimiert, muss also etwas anderes sein. Es geht in diesem Film mehr um die Form, um die visuelle Ästhetik. Die austauschbare Handlung ist nur als Vorlage zu verstehen. Genauso wie  Kill Bill wohl ohne Zweifel als Meisterwerk zu bezeichnen ist, obwohl die Handlung auf dem Papier wenig komplex erscheint.

Bildergebnis für death wish

Nun ist Death Wish zwar kompetent umgesetzt, aber sicherlich ästhetisch nicht so fesselnd wie ein John Wick und schon gar nicht wie Kill Bill. Was rechtfertigt es dann, dass ich über die fragwürdige Darstellung der Selbstjustiz hinwegsehen kann? Der Film fragt nicht nur nach der Effizienz von Waffen und Selbstjustiz, sondern nach der vermeintlichen Legitimität von beidem in unserer Gesellschaft, die von konservativen Sicherheitsphantasien geprägt ist. Das fängt bei dem im 20. Jahrhundert in den USA konstituierten Bild von „Zuhause“ an, dessen Idealbild das vorstädtische Einfamilienhaus war. Kind und Frau waren geschützt vor der „bösen Stadt“ und gleichzeitig blieb der Frau, die damals verstärkt auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen musste, eine gewisse Mobilität verwehrt. Sie war finanziell und sozial auf das „Zuhause“ angewiesen. Hier werden also patriarchale Sicherheitsphantasien befriedigt.

Auch heute begegnen wir ideologisch verschieden genormten, aber stets konservativen Sicherheitsphantasien, die sich jedem Anstand entziehen: Verstärkte Videoüberwachung im öffentlichen Raum, Legitimation von Polizeigewalt. Diese Ungerechtigkeiten nehmen wir achselzuckend hin und sagen im Notfall noch: „Ich habe ja nichts zu verstecken“. Ist es in einer Gesellschaft, die Moral für Sicherheit ausklammert, nicht konsequent auch Waffen zu erlauben? Diese Frage, die natürlich zynisch verstanden werden möchte, stellt die zweite und ergänzende Lesensart des Filmes dar. Subtil deutet Roth diesen – man könnte fast sagen – Sicherheitsfetisch immer wieder als konservativ- patriachales Problem an. So werden die Waffen von Frauen verkauft, die es wohl nicht ganz auf das Playboy-Cover geschafft haben, der Machtkampf zwischen Mann und Mann im zivilisierten Umfeld gezeigt und der extreme Drang nach Effizienz in der Ökonomie angedeutet. Sind Waffen wirklich eine Steigerung der Perversion in einer kühlen, rationalisierten, sexistisch Besitz ergreifenden, in die Sicherheit verliebten Gesellschaft?

 

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